Leeres Beitragsbild.

Falernum

| Keine Kommentare

Was ist Falernum und woher stammt seine Bezeichnung? Wer hat Falernum erfunden und wann? Wo entstand er?  Welche Zutaten gehören eigentlich in einen Falernum? Auf diese Fragen geben wir in diesem Beitrag eine Antwort.

Was ist Falernum?

Im Allgemeinen hört man als Antwort auf diese Frage, Falernum sei ein sirupartiger Rumlikör, der aus Rum, Zucker, Mandeln, Limetten und Ingwer nebst verschiedenen Kräutern und Gewürzen hergestellt werde und ursprünglich aus Barbados stamme. Doch eine genaue Definition der Inhaltsstoffe gibt es nicht, vielfältig sind die verschiedenen Falernum-Varianten, die käuflich erworben werden können oder selbst hergestellt werden. [1] [2] [6] Doch gibt es mittlerweile auch nichtalkoholische Versionen. [1] [2] Dies alles ist jedoch das moderne Verständnis darüber, was Falernum ist. Wie sich nach Auswertung von historischen Quellen zeigen wird, war Falernum ursprünglich etwas anders zusammengesetzt. Wir gehen später genauer darauf ein, nachdem wir die historischen Zitate aufgeführt haben.

Woher stammt die Bezeichnung Falernum?

Falernum ist eine alte römische Bezeichnung für einen bestimmten Wein. Nachweislich wird sie bereits im Jahr 140 v.Chr. verwendet. Dieser römische Falernum soll Plinius zufolge einen Alkoholgehalt von knapp 30 vol% gehabt haben. [1] [2] [6]

Mit dem barbadischen Falernum hat dieser römische Falernum jedoch nicht viel gemein, und auch für die Namensgleichheit findet man keine Erklärung. Einem Gerücht zufolge soll die Bezeichnung jedoch auf eine Begebenheit zurückzuführen sein, bei der eine alte Frau nach den Zutaten gefragt wurde, und sie soll in ihrem Dialekt geantwortet haben: „Haf a learn um“. Das soll soviel heißen wie „Have to learn how it’s done“, daß man also lernen müsse, wie es zubereitet werde. Basierend auf einem Mißverständnis soll der Falernum so seinen Namen erhalten haben. [1] [2] [3] [6] Eine schöne Geschichte – doch wahr wird sie wohl nicht sein und eher ins Reich der Legenden gehören. Eine andere Deutungsmöglichkeit skizzieren wir weiter unten im Zusammenhang mit den von uns gefundenen historischen Quellen.

Wer hat Falernum erfunden?

Begibt man sich auf die Suche nach einer Antwort, so gibt es widersprüchliche Angaben. Zum einen soll der Barbade Henry Parkinson den Falernum erfunden haben. Um das Jahr 1750 herum soll er Rum mit gemahlenen Mandeln, braunem Zucker, Nelkenpulver, Ingwerwurzel und zerstoßenen Limetten kombiniert haben. So berichtet es sein Ur-Ur-Enkel Artur Stansfield, der im Jahr 1934 begann, Falernum zu produzieren und in die USA zu exportieren. [1] [2] [3] [4] [5] Aber auch John D. Taylor behauptete, den originalen Falernum im Jahr 1890 erfunden zu haben. [2] [3] [5] [6] Doch es gibt auch Stimmen, die davon sprechen, daß Falernum ein Getränk war, daß im Volk entstand, daß es also keine Erfinder gäbe und daß jede Familie ihr eigenes Rezept gehabt hätte. [6]

Aufgrund unserer Recherchen können wir definitiv ausschließen, daß Falernum eine Erfindung von John D. Taylor war. Auch war er nicht der erste, der Falernum kommerzialisierte und auf den Markt brachte. Auch an der Geschichte von Artur Stansfield haben wir Zweifel, denn wie unsere Analyse zeigen wird, wurden nicht alle von ihm genannten Zutaten um 1750 auf den Westindischen Inseln angebaut. Also war entweder das Rezept seines Vorfahren anders, oder es wurden importierte Zutaten verwendet (was wir für eher unwahrscheinlich halten), oder – und zu dieser Schlußfolgerung tendieren wir doch sehr – es handelt sich um eine Erfindung, um seinem Produkt einen historischen Hintergrund zu geben.

Wir sind der Meinung, daß es sich bei Falernum eher um ein Getränk handelt, das keinen definierten Erfinder hat, sondern sich nach und nach entwickelte. Das legen auch die historischen Quellen nahe, die wir im Folgenden zitieren werden.

Welche historischen Quellen gibt es?

Wir haben uns auf die Suche nach historischen Belegen gemacht, um die zuvor gestellten Fragen korrekter beantworten zu können.

Falernum. Philadelphia Inquirer, 2. August 1896.

Falernum. Philadelphia Inquirer, 2. August 1896. [3]

Im „Philadelphia Inquirer“ vom 2. August 1896 wird Falernum beschrieben. Dort heißt es: „Falernum is a West Indian drink and is used about an hour before dinner as an appetizer. It is made of Jamaica rum, three pints, lime juice or lemon juice, one pint, sugar syrup, two pints and water four pints or as they say in the West Indies „One pint of sour, two of sweet, three of strong and four of weak.“ Bitter almonds are added to give further flavor. The decoction is allowed to stand for a week and is then poured off into bottles. It is taken with a little wormwood in glasses filled with cracked ice; the limit being the contents of a liquor glass. For wormwood good bitters may be substituted, and it is essential that the rum be absolutely pure.“ [3] Falernum sei ein Getränk der Westindischen Inseln – so werden wir aufgeklärt – das etwa eine Stunde vor dem Abendessen als Aperitif zu sich genommen werde. Es bestehe aus drei Pints Jamaika-Rum, einem Pint Limettensaft oder Zitronensaft, zwei Pints Zuckersirup und vier Pints Wasser oder wie man in den Westindischen Inseln sage: „Ein Pint Sauer, zwei Pints Süß, drei Pints Stark und vier Pints Schwach“ . Für zusätzliche Aromen gebe man Bittermandeln hinzu. Man lasse  alles eine Woche stehen, und fülle dann in Flaschen ab. Man tränke den Falernum mit ein wenig Wermut auf Eis. Anstelle des Wermuts könne man auch gute Bitter verwenden, und es sei wichtig, dass der Rum absolut rein sei.

Falernum. The Salt Lake Herald, 2. August 1896, Seite 2.

Falernum. The Salt Lake Herald, 2. August 1896, Seite 2. [11]

Ebenfalls am 2. August 1896 schreibt der „Salt Lake Herald“: „Falernum is a very delightfull concoction which the West Indian, mindful of his health, takes in sips, and swallows at least once a day, and that about an hour before his dinner. „An appetizer,“ he calls it. The beverage is quite as pleasant to the palate as its name would suggest and it  is very easily made; there is an obstacle to its perfect success which just here occurs to me, that the West Indies is the place for pure rum and that in America it is extremely difficult to get the genuine article. A small flask labeled „Jamaica Rum“ and for which a goodly price was paid, formed part of the furnishings of my traveling bag when I voyaged not so very long ago, to the far-off islands of the Carribean sea. The contents of the flask, I am sorry to say, when tested were found wanting, tested, by the way, with a hollow glass globe not bigger than a pea. However this is not falernum. „One of sour, two of sweet, three of strong and four of weak“ such is the recipe as given by the West Indian
housewife. Explained, enlarged and annotated, it resolves itself thus: One pint of sour, that is lime Juice or lemon juice; two pints of sweet, that Is of sugar; three
pints of strong that Is rum (the best you can get); four pints of weak, that Is,
water. Flavor the concoction with bitter almonds. Let it stand in a cask for a week
or so, then pour off in bottles. When comes the occasion for trying its merits put in a small glass cracked ice, falernum, water and a teaspoonful of wormwood, which has been previously infused, and put In alcohol. For wormwood good bitters may be substituted. The falernum is even taken without the addition of water or wormwood, but only a much as a liquer glass will hold. Rum, when it is pure, is strength-giving, and the bitters naturally add to us virtues as an appetizer. What is known throughout the islands islands as the „West Indian cocktail“ is a mingling of lime juice, sugar, rum, water and bitters In a hot climate bitters. In a hot climate a „bitter“ is almost a necessity, if not daily, at least occasionally, and „have you taken your bitters?“ is a common household question.“ [11] In diesem Artikel werden wir darüber aufgeklärt, daß Falernum ein köstliches Gebräu sei, das die Bewohner der Westindischen Inseln, auf ihre Gesundheit bedacht, mindestens einmal am Tag zu sich nähmen, eine Stunde vor dem Abendessen, und daß sie dies als „eine Vorspeise“ bezeichneten. Das Getränk sei sehr angenehm, und leicht herzustellen. Man bräuchte dafür einen guten Rum, der in Amerika allerdings schwer zu bekommen sei. „Ein Teil sauer, zwei Teile süß, drei Teile stark und vier Teile schwach“, so laute das Rezept der westindischen Hausfrau. Man nehme also ein Pint Limetten- oder Zitronensaft, zwei Pints Zucker, drei Pints von dem besten, starken Rum, den man bekommen kann, und vier Pints Wasser. Diese Zubereitung schmecke man mit Bittermandeln ab und lasse sie für eine Woche in einem Faß stehen. Dann fülle man sie auf Flaschen ab. Wenn dann die Gelegenheit dazu gekommen sei, gebe man vom Falernum etwas in ein kleines, mit Eis gefülltes Glas, zusammen mit Wasser und einen Teelöffel voll Wermut, den man zuvor in Alkohol infusioniert habe. Anstelle des Wermuts könne man auch gute Bitter nehmen. Man tränke Falernum auch ohne Zusatz von Wermut oder Bitter, aber nur die Menge eines Likörglases. Auch wird uns erklärt, daß das, was auf den Inseln als „Westindischer Cocktail“ bezeichnet werde, nämlich eine Mischung aus Limettensaft, Zucker, Rum, Wasser und Bitter sei. In einem heißen Klima sei ein Bitter fast schon eine Notwendigkeit, wenn nicht täglich so doch gelegentlich, und die Frage „Hast Du schon Bitters genommen“ sei eine häufig gestellte, gebräuchliche Frage.

Am 25. Juli 1891 schreib der „The Pacific commercial advertiser“ ebenfalls über Falernum, [12] doch dies ist ein wörtliches Zitat aus Greville John Chesters Buch „Transatlantic Sketches“ aus dem Jahr 1869, auf das wir später noch zu sprechen kommen.

Interessant an diesen beiden Quellen ist zum einen, daß Falernum nur aus Rum, Limette, Zucker, Wasser und Mandeln bestehen soll. Von weiteren Gewürzen oder Ingwer ist nicht die Rede. Auf diese Problematik gehen wir später noch genauer ein. Zum anderen sprechen die Quellen nicht davon, daß Falernum etwas sei, das aus Barbados käme, sondern allgemein von den Westindischen Inseln. Stammt Falernum also gar nicht von Barbados? Dies ist eine schwierige Frage. Zwar wird dies allgemein behauptet, doch niemand hat es mit Quellen belegt. Vielleicht geht man nur davon aus, da beispielsweise John D. Taylor und sein noch heute erhältlicher Velvet Falernum aus Barbados stammt? Auch der Falernum von Artur Stansfield stammte aus Barbados. Gibt es also noch weitere, und insbesondere ältere Quellen, die uns hier Auskunft geben können?

Der Jamaika-Stand auf der londoner „Colonial and Indian Exhibition“ im Jahr 1886. [7]

1886 fand in London die „Colonial and Indian Exhibition“ statt. Diese Ausstellung fand in South Kensington statt, um „den Handel anzuregen und die Bande innerhalb des britischen Imperiums zu stärken“. Diese Ausstellung wurde von Queen Victoria eröffnet, und in den folgenden sechs Monaten besuchten rund 5,5 Millionen Besucher die Ausstellung. [8] [9] Interessant ist der Ausstellungskatalog. Dort werden die ausgestellten Produkte der Kolonien aufgeführt. Darunter ist auch Falernum.

Katalog zur Colonial and Indian Exhibition, 1886, Seite 429, Tobago.

Katalog zur Colonial and Indian Exhibition, 1886, Seite 429, Tobago. [9]

Auf Seite 429 lesen wir, Falernum sei „A liqueur made with rum, lime juice, water, and sugar“, also ein Likör, der aus Rum, Limettensaft, Wasser und Zucker bestehe. Von Mandeln, Ingwer oder Gewürzen ist hier nicht mehr die Rede. Man kann sich dieser Beschreibung zufolge den Falernum also als eine Art Rum-Punch vorstellen. Des weiteren wird auch angegeben, welche Aussteller den Falernum vorstellten. Sehr interessant auch, daß diese nicht aus Barbados sind – dort wo Falernum angeblich entstanden sein soll -,  sondern aus Tobago! Aber auch aus anderen westindischen Inseln, darunter auch Barbados, sind Aussteller mit Falernum vertreten. Insgesamt gibt der Ausstellungskatalog diese Referenzen:

Katalog zur Colonial and Indian Exhibition, 1886, Seite 386, Jamaica.

Katalog zur Colonial and Indian Exhibition, 1886, Seite 386, Jamaica. [9]

Seite 386, Jamaica:
„DESNOES, P., & SON. – Ginger Wine (white). Ginger Wine (coloured). Orange Wine. Orange Juice. Fallernum. Bitters. Peppermint Cordial. Aniseed Cordial. Pimento Dram. Noyeau. Parfait Amour. Rosolio.“ [9]

Katalog zur Colonial and Indian Exhibition, 1886, Seite 409, Barbados.

Katalog zur Colonial and Indian Exhibition, 1886, Seite 409, Barbados. [9]

Seite 409, Barbados:
„BELFIELD, A. Liqueurs, &c., Cordials. (22.) Falernum, white.
HUTCHINSON, G. W., & CO. (23) Falernum, white.
CARTER & CO. (24.) Falernum, white.
PETERSON, C. R. (25.) Falernum, white.
CARTER, A. P. (26) Falernum, white. (27.) Falernum, golden.“ [9]

Katalog zur Colonial and Indian Exhibition, 1886, Seite 429, Tobago.

Katalog zur Colonial and Indian Exhibition, 1886, Seite 429, Tobago. [9]

Seite 429, Tobago:
„13. Falernum. A liqueur made with rum, lime juice, water, and sugar. (a) A. Murray. (b) J. D. Kerwood. (c) H. H. Sealy. (d) Mrs T. Newton Browne. (e) R. B. Anderson. (f) Messrs. John McCall & Co.“ [9]

Katalog zur Colonial and Indian Exhibition, 1886, Seite 438, Antigua.

Katalog zur Colonial and Indian Exhibition, 1886, Seite 438, Antigua. [9]

Seite 438, Antigua:
„Phalernum“ [9]

Falernum wurde 1886 also auf den Westindischen Inseln hergestellt, so wie es schon der Zeitungsartikel von 1896 beschreibt, und zwar im Osten auf Jamaika bis ganz in den Westen auf Barbados, bis ganz in den Süden nach Tobago.

Ob Falernum nur auf Jamaika, Barbados, Antigua und Tobago produziert wurde, läßt sich nicht sagen.

Falernum auf den Westindischen Inseln 1886.

Falernum auf den Westindischen Inseln 1886.

Zwar waren keine Falernumproduzenten von den Bahamas, aus Dominica, Grenada, St. Lucia, St. Vincent und Trinidad auf der Ausstellung vertreten, doch das bedeutet jedoch nicht, daß dort nicht auch Falernum getrunken und lokal hergestellt wurde. Zu vermuten ist es jedenfalls, wenn man bedenkt, daß Falernum selbst auf Jamaika vorhanden war.

Doch das bedeutet nicht automatisch, daß Falernum nicht doch, wie auch schon der Rum, eine barbadische Erfindung ist. Von dort aus könnte er sich schnell auf die anderen Inseln verbreitet haben, wo man ihn dann auch für den Eigengebrauch herstellte. Jedenfalls spricht dafür die älteste Quelle, die wir finden konnten, in der Falernum beschrieben wird. 1869 veröffentlichte Greville John Chester sein Buch „Transatlantic Sketches: In the West Indies, South America, Canada and the United States“. Dort beschreibt er auf Seite 81 und 82 eine barbadische Szene:

John Greville Chester - Transatlantic sketches. 1869, Seite 81-82.

John Greville Chester – Transatlantic sketches. 1869, Seite 81-82. [10]

„A kind of harvest-home generally takes place at the end of the crop-gathering upon each estate. A cart laden with the last canes is drawn by mules decorated with ribbons, and attended by a crowd of labourers; the principal women being attired in white muslin. The mill and other estate buildings are gay with coloured kerchiefs which do duty as flags. Some ancient negro is put forward to make a speech to the planter, which he often does with considerable humour and address. Then the planter replies, and a glass of „falernum“ — a beverage compounded of rum, lime-juice, and syrup — is handed round to each. Then dancing begins, and is carried on to a late hour to the sound of fiddles and a tambourine. Sometimes the proceedings are varied by the introduction of a „trash man,“ a figure, i.e. stuffed with cane trash and tied upon the back of a mule, which, being finally let loose, gallops about with his incongruous burden, to the great delight of the spectators.“ [10] Es wird eine Art Erntedankfest beschrieben, welches in der Regel am Ende der Erntezeit auf jedem Gut stattfände. Ein mit den letzten Zuckerrohren beladener Wagen werde von Maultieren gezogen, die mit Bändern geschmückt seien, und umgeben von einer Arbeitermenge, Frauen in weißes Musselin gekleidet. Die Mühle und andere Gebäude seien fröhlich mit bunten Tüchern geschmückt, die als Fahnen dienten. Ein alter schwarzer Arbeiter werde vorgeschickt, um vor dem Pflanzer eine Rede zu halten, oftmals mit viel Humor und Ansprache. Der Pflanzer antworte darauf, und ein Glas Falernum – das sei ein Getränk, welches aus Rum, Limettensaft und Sirup bestehe – werde herumgereicht. Dann finge der Tanz an und werde bis in späte Stunden unter dem Klang von Geige und Tamburin fortgeführt. Manchmal werde der Ablauf variiert, und ein „Müllmann“ trete auf. Dieser sei eine Figur, die beispielsweise mit Zuckerrohrresten gefüllt und auf dem Rücken eines Maultiers befestigt sei. Das Maultier werde schließlich losgelassen und galoppiere zur großen Freude der Zuschauer mit seiner Last hin und her.

George Pinckard - Notes on the West Indies. 1806, Seite 324-325.

George Pinckard – Notes on the West Indies. 1806, Seite 324-325. [13]

Wir haben noch einen älteren Verweis auf Falernum gefunden, und zwar aus dem Jahr 1806. In seinem Buch „Notes on The West Indies“, auf den Seiten 324 bis 325 des dritten Bandes schreibt George Pinckard: „Garden-Eden Is an extensive sugar estate,  belonging to Mr. T. Cuming, a rich planter of much merit, and of great influence in the colony. It is under the management of a Mr. Boyce, by whom we were received with
greetings worthy the prevailing hospitality of Guiana, treated with an excellent supper, and Falernum wine, and accommodated in great comfort until morning.“ [13] Der Autor schreibt, Garden-Eden sei eine ausgedehnte Zuckerrohr-Plantage, die einem Mr. T. Cuming gehöre. Dieser sei ein reicher Pflanzer von großem Verdienst und mit großem Einfluß in der Kolonie. Die Pflanzung stehe unter der Leitung des Mr. Boyce, von dem die Reisegruppe mit Grüßen, die der allgemein geltenden Gastfreundschaft Guyanas würdig sind, und mit einem ausgezeichneten Abendessen und Falernum-Wein verwöhnt worden sei, und bis zum Morgen mit großem Komfort beherbergt worden sei. Liest man auf den vorhergehenden Seiten über den Verlauf der Reise, so muß sich diese Plantage irgendwo in der Nähe von Oest Vriesland befinden, am Fluss Demerara gelegen, ungefähr 10 Kilometer von Georgetown entfernt. Dieser Fluß in Guyana entspringt dem tropischen Regenwald und mündet bei Georgetown in den Atlantik. [14] [15] Die Plantage existiert heute noch. [21]

Leider wird uns in dieser Quelle nichts näheres über den dort gereichten Falernum berichtet. Da er jedoch als Falernum-Wein bezeichnet wird, kann man sich vorstellen, daß ein italienischer Wein ausgeschenkt wurde. In Kampanien wird heute noch der Falerno del Massico angebaut. [16] Vielleicht ist es aber auch ein Falernum auf Rum-Basis gewesen? Man hat früher Mezcal auch als Wein bezeichnet, nämlich als „vino de mezcal“. Es könnte also sein, daß die Bezeichnung „Wein“ daher auch für ein schwachalkoholisches Getränk auf Basis von Rum verwendet wurde. Betrachtet man allerdings die Umstände der Bewirtung, so scheint dies eher unwahrscheinlich. Man hat vom feinsten aufgetragen, um die Gäste zu bewirten, und da wäre in einem reichen Haushalt ein importierter, italienischer Wein gerade gut genug gewesen.

Vielleicht gibt uns diese Notiz aber einen Hinweis darauf, woher der rum-basierte Falernum seinen Namen erhalten haben könnte. Wenn wir davon ausgehen, daß die reichen Pflanzer ihren importierten Falerner-Wein, den Falernum, tranken, wollten vielleicht auch die ärmeren Bevölkerungsschichten in den Genuß desselben gelangen. Da man aber die importierte Ware nicht bezahlen oder beziehen konnte, nannte man einfach ein rum-basiertes Getränk ebenfalls Falernum, um dem Genuß desselben einen gewissen Glamour zu geben. Wir wissen dies zwar nicht, aber es ist zumindest eine gute Geschichte.

Seit wann waren die Zutaten erhältlich?

In einer Quelle stellte man sich die Frage, seit wann Mandeln auf den Westindischen Inseln erhältlich seien und wann sie frühestens als Bestandteil des Falernums hätten verwendet werden können. [3] Dies inspirierte uns zu der Frage, wie es mit den anderen klassischen Zutaten aussieht. Auch hier hilft ein Blick in den Ausstellungskatalog der „Colonial and Indian Exhibition“ aus dem Jahr 1886. Wir finden dort die Angabe, daß sich die Westindischen Inseln nicht nur mit Ingwer und Limette, sondern auch mit Piment, Muskatnuß, Zimt, und Nelke präsentierten, auch Mandeln waren dabei. [8] Also wurden spätestens 1886 bereits alle Zutaten dort angebaut. Bei den Mandeln haben wir unsere Zweifel, denn auf Seite 401 wird der Mandelbaum (Almond Tree) als Terminalia Catappa identifiziert, [8] also als  Katappenbaum (auch Seemandelbaum, Indische Mandel oder Badam genannt). [22] Vermutlich handelt es sich also bei den exportierten Mandeln nicht um die Mandeln, die heute im Falernum verwendet werden.

Ein Blick in die fünf Bände und fünfte Auflage des 1800 verstorbenen Bryan Edwards, „The history, civil and commercial of the British West Indies“, die mit Erweiterungen 1819 in London erschien, gibt uns Auskunft über den Anbau verschiedener Gewächse. Im zweiten Band wird ab Seite 374 über den Nelkenbaum berichtet. In Dominica wurde erstmals 1789 versucht, einen Nelkenbaum anzupflanzen. Man kaufte weitere Pflanzen hinzu, und 1793 erntete man die ersten Nelken. [17] Auf Seite 364 wird festgestellt, daß Ingwer bereits von den Spaniern, von Francisco de Mendoza, zu einer sehr frühen Zeit nach Hispaniola gebracht wurde, und daß Ingwer beim Erscheinen des Buches nicht mehr als etwas Exotisches auf den Westindischen Inseln angesehen werde. Bereits 1547 wurden große Mengen an Ingwer nach Spanien exportiert. [17] Über Piment lernen wir, daß dieser Baum wild auf Jamaika wachse und daß man jährlich ungefähr 6000 Säcke zu je 112 pound nach Großbritannien exportiere, und daß Jamaika die einzige Kolonie sei, die Piment exportiere. [17] Dies hat sich bis 1886 geändert, wie wir aus dem Ausstellungskatalog wissen. Auch Zimt wurde bereits angebaut. Auf Seite 373 steht in einer Fußnote geschrieben, daß zu den Exportgütern der Westindischen Inseln auch Zimt und Nelken hinzugefügt werden könnten. Pflanzungen wären erfolgt, und auch wenn sie noch an ihrem Anfang ständen, hätte man doch bereits genug produziert, in einer Qualität, die es mit den anderen Produzenten aufnehmen könne, so daß man damit nun gezeigt hätte, daß sie auch auf den Westindischen Inseln erfolgversprechend angebaut werden könnten. [17] Auch Limetten werden bereits aus Antigua exportiert, wie wir aus einer Exportliste auf Seite 612 ersehen können. [17] Über Muskat und Mandeln schweigt das Werk. [17] Das verwundert nicht, denn die ersten Muskatnußbäume wurden erst 1843 in Grenada angepflanzt [18] [19] [20].

George Pinckard berichtet 1806 im ersten Band der „Notes on the West Indies“ auf Seite 315 bis 316 über Barbados: „I should have told you that in the course of our long ride we had the opportunity of seeing a very extensive variety of the vegetable productions of the tropical world; and that we met with multitudes of trees, shrubs and plants, that were not before familiar to us — and many which were wholly new to our observation. Among those which most attracted our attention were the pimento, wild cinnamon, ginger, cassia, cassada, banana, plantain, tamarind, cashew apple, mango, sapadillo, papaw, mammee, soursop, goava, grenadillo, water lemon, oranges, limes, lemons, shaddock, forbidden fruit, the aloe, logwood, mahogany, cedar, and lignum vitae. The great staple productions of the Weft Indies, — sugar, cotton, and coffee, were also brought frequently before the eye, during this interesting excursion.“ [24] Wir sehen also, daß es auf Barbados um 1806 Limetten, Ingwer, Piment und wilden Zimt gab. Letzterer wird etwas ganz anderes gewesen sein als der echte Ceylon-Zimt; Das Zimt-Monopol der Niederländer wurde von den Briten erst ab 1796 gebrochen, als letztere die Herrschaft von Ceylon übernahmen.

Zu den Limetten läßt sich noch sagen, daß sie vermutlich schon 1493 von Christopher Columbus auf die Westindischen Inseln gebracht wurden. [25]

Fazit

Zum Abschluß soll noch einmal das Ergebnis unserer Recherche zusammengefaßt werden.

Der älteste Nachweis des Falernums ist in Guyana im Jahr 1806. Doch hierbei wird es sich um den Falernum-Wein handeln.

Das rumbasierte Getränk wird erstmals 1869 erwähnt, bei einem Erntedankfest auf Barbados. Basierend auf dieser Fundstelle darf man davon ausgehen, daß Falernum allgemein üblich auf den Zuckerrohrplantagen getrunken wurde. Wir erhalten auch das erste überlieferte Rezept. Demzufolge wird Falernum aus Rum, Limettensaft und (Zucker)-Sirup hergestellt.

Den nächstjüngeren Hinweis auf Falernum findet man 17 Jahre später im Jahre 1886 im Ausstellungskatalog der „Colonial and Indian Exhibition“. Falernum wurde zu diesem Zeitpunkt mindestens in vier britischen Kolonien hergestellt. Es wird ein Falernumhersteller auf Jamaika genannt, fünf auf Barbados, sechs auf Tobago und auch auf Antigua wird er produziert. Das läßt darauf schließen, daß Falernum nicht nur auf Barbados, sondern generell auf den Westindischen Inseln ein beliebtes, traditionelles Getränk war; anderfalls erklärte es sich nicht, warum außerhalb von Barbados plötzlich so viele Falernumproduzenten exisitierten. Im Ausstellungskatalog wird erklärt, was Falernum sei. Man schreibt, er sei ein Likör aus Rum, Limettensaft und Zucker. 1896 wird uns in amerikanischen Zeitungen ebenfalls erklärt, was Falernum sei, und daß er ein Getränk der Westindischen Inseln wäre. Man bereitete ihn hier aus jamaikanischem Rum, Limetten- oder Zitronensaft und Zuckersirup zu, unter zusätzlicher Verwendung von Bittermandeln.

Wir müssen daraus schlußfolgern, daß man sich Falernum als ein vom klassischen Punsch inspiriertes Getränk vorstellen muß, zubereitet aus Rum, Limette, Zucker und Wasser, mit einem Alkoholgehalt etwas unter 20 vol%.

Mandeln waren auf den Westindischen Inseln nicht heimisch, sie werden erst ab 1896 genannt, und so kann man davon ausgehen, daß sich das Rezept im Laufe der Zeit veränderte, und Mandeln erst später hinzu kamen. Auch ist in den Quellen nirgends von Gewürzen die Rede. Man kann sich aber sehr gut vorstellen, daß diese teilweise zugegeben wurden, aber eben nur nicht erwähnt wurden. Auch beim Punsch sind Gewürze eine wichtige Beigabe. Ingwer wurde in der Gegend seit dem 16. Jahrhundert angebaut. Piment stammt aus der Region. Limetten waren seit dem 15. Jahrhundert verfügbar, so wie auch das Zuckerrohr, aus dem erstmals Mitte des 17. Jahrhunderts auf Barbados Rum hergestellt wurde  Zimt und Nelke hingegen wurden erst zum Ende des 18. Jahrhunderts kultiviert.

Woher Falernum stammt, können wir nicht genau feststellen. Er stammt zwar mit Sicherheit von den Westindischen Inseln, aber einen Beleg dafür, daß er auf Barbados erfunden wurde, haben wir nicht gefunden.

Leider läßt sich nicht feststellen, seit wann Falernum zubereitet wurde. Existierte er schon vor 1800, so waren mit ziemlicher Sicherheit Nelke und Zimt keine Zutat, sondern man wird sich auf Piment beschränkt haben, der ebenfalls Zimt- und Nelkenaromen besitzt. Mandeln dürften auch ein neuzeitlicher Zusatz zum Falernum sein, sie werden erst spät erwähnt und sind auf den Inseln anscheinend auch nicht angebaut worden.

Woher der Name stammt, wissen wir nicht, man kann aber vermuten, daß ein Bezug zum importierten Falerner-Wein aus Italien besteht, und daß man mit dem Namen dem Getränk eine gewisse Noblesse verleihen wollte. Dies scheint uns jedenfalls die schlüssigste Herleitung zu sein.

Da es keinen Erfinder und somit auch kein Originalrezept für Falernum gibt, sondern vielmehr jede Familie ein eigenes Rezept gehabt zu haben scheint, das individuell angepaßt und verändert wurde, gibt es auch keine genaue Definition dessen, was ein Falernum ist. Heute wird man sich einig sein, daß neben Rum und Limette auch Mandeln verwendet werden sollten, sowie Gewürze wie Zimt, Nelke, Piment und Ingwer. Da es aber keine genaue Definition gibt, kann man auch bei heutigen Produkten nicht sagen, wann genau ein Falernum ein Falernum ist, und das eröffnet Raum, verschiedenste Rezepturen zu entwickeln, die alle von sich behaupten dürfen, ein Falernum zu sein.

Quellen:
  1. Thomas Majhen: Die Barfibel. Kapitel: Falernum. ISBN 978-3-8442-5233-0. Berlin, 2012.
  2. https://www.smithsonianmag.com/arts-culture/falernum-the-elusive-cocktail-syrup-to-name-drop-at-your-next-party-7673835/: Falernum: The Elusive Cocktail Syrup to Name Drop At Your Next Party. Von K. Annabelle Smith, 29. Januar 2013.
  3. http://www.artofdrink.com/ingredient/falernum: Falernum. Von Darcy O’Neil, 17. Februar 2016.
  4. https://books.google.de/books?id=zDM8K7LFqIoC&pg=PT84&dq=Barbados++Falernum&hl=en&sa=X&ei=AMkGUffTCYaviALMrIHoCw&redir_esc=y#v=onepage&q=Barbados%20%20Falernum&f=false: Harry S. Pariser: Explore Barbados. 3. Auflage. ISBN 1-893643-51-4. San Francisco, Manatee Press, 2000.
  5. http://www.tikiroom.com/tikicentral/bb/viewtopic.php?topic=29635&forum=10&vpost=757421: Falernum history & recipe. Vom 17. Januar 2016.
  6. http://thecocktailcircuit.blogspot.de/2006/06/barbados-in-bottle.html: Barbados in a Bottle. Von Joseph F. Mailander, 12. June 2006.
  7. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jamaica_at_the_Colonial_and_Indian_Exhibition,_London_1886.jpg: Jamaica at the Colonial and Indian Exhibition, London 1886.
  8. https://en.wikipedia.org/wiki/Colonial_and_Indian_Exhibition: Colonial and Indian Exhibition.
  9. https://archive.org/stream/cihm_05255: Anonymus: Colonial and Indian Exhibition, 1886. Official catalogue. London, William Cloves and Sons, 1886.
  10. https://archive.org/stream/cihm_00602#page/81/mode/2up/search/falernum: Greville John Chester: Transatlantic sketches [microform] : in the West Indies, South America, Canada and the United States. London, Smith, Elder & Co., 1869.
  11. https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn85058130/1896-08-02/ed-1/seq-2/#date1=1789&index=0&rows=20&words=falernum+Falernum&searchType=basic&sequence=0&state=&date2=1949&proxtext=falernum&y=14&x=15&dateFilterType=yearRange&page=1: Falernum. The Salt Lake Herald, 2. August 1896, Seite 2.
  12. https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn85047084/1891-07-25/ed-1/seq-2/#date1=1789&index=3&rows=20&words=falernum&searchType=basic&sequence=0&state=&date2=1949&proxtext=falernum&y=14&x=15&dateFilterType=yearRange&page=1: The Pacific commercial advertiser. Vom 25. Juli 1891.
  13. https://archive.org/stream/in.ernet.dli.2015.33412/2015.33412.Notes-On-The-West-Indies–Vol3#page/n347/mode/2up/search/falernum: George Pinckard: Notes On the West Indies. Band 3. London; Longman, Hurst, Rees and Orme, 1806.
  14. https://de.wikipedia.org/wiki/Demerara_River: Demerara River.
  15. https://mapcarta.com/19096482: Vriesland.
  16. https://de.wikipedia.org/wiki/Falerner: Falerner.
  17. https://books.google.de/books?id=-8E-AAAAYAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false: Bryan Edwards: The History, Civil and Commercial, of the British West Indies. Band 2. 5. Auflage. London, T. Miller, 1819.
  18. http://www.grenada-history.org/nutmeg.htm: The Nutmeg Story.
  19. https://de.wikipedia.org/wiki/Muskatnussbaum: Muskatnussbaum.
  20. https://en.wikipedia.org/wiki/Grenada: Grenada.
  21. https://mapcarta.com/19102994: Garden of Eden.
  22. https://de.wikipedia.org/wiki/Katappenbaum: Katappenbaum.
  23. https://de.wikipedia.org/wiki/Sri_Lanka#Kolonialzeit: Sri Lanka – Kolonialzeit.
  24. https://archive.org/stream/notesonwestindi01pincgoog#page/n384/mode/2up/search/cinnamon: George Pinckard: Notes On the West Indies. Band 1. London; Longman, Hurst, Rees and Orme, 1806.
  25. https://www.britannica.com/plant/lime: Lime. Tree and fruit, citrus genus.
  26. http://bar-vademecum.de/chronologie-rum-rhum_agricole-cachaca/: Chronologie des Rums, Rhum Agricoles und Cachaças.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Sie dient lediglich dazu, daß wir gegebenenfalls direkt mit Dir Kontakt aufnehmen können.