Cosmopolitan 1934

| Keine Kommentare

Der Cosmopolitan „1934“ zählt heute zu den klassischen Drinks. Es ist kaum vorstellbar, daß er in Vergessenheit geriet. Jedoch war er wohl zuvor nie wirklich populär, denn vor seiner Wiederentdeckung ist er in nur einem einzigen Buch belegbar. Interessant ist sie Geschichte seiner Wiederentdeckung, aber auch seine Einbettung in den historischen Kontext.

50 ml Rutte Dry Gin
20 ml Zitronensaft
10 ml Combier Triple Sec
10 ml D’Arbo Himbeersirup

Zubereitung: Geschüttelt.

Die Wiederentdeckung

Über die Wiederentdeckung des in Vergessenheit geratenen Drinks kann am besten Jörg Meyer Zeugnis ablegen. Wie er berichtet, durchsuchte er im Jahr 2006 jeden Abend das Internet auf der Suche nach klassischen Drinks. Zufällig stieß er auf eine Seite, die von zwei Personen betrieben wurde, die durch New York zogen, um Martinis zu trinken und anschließend davon zu berichteten. Die Seite hieß martiniplace.com, und die beiden Personen waren Jared Brown und Anistatia Miller. Jeden Abend las Jörg in ihrem Blog. Dort gab es auch die Möglichkeit, einen Betrag für die Autoren zu spenden, und sie versprachen dieses Geld dann in Martinis zu investieren und es zu vertrinken. Das gefiel Jörg, und so spendete er einen kleinen Betrag von 10 oder 20 Dollar. Kurz darauf schrieb Jared zurück und bedankte sich für die Spende mit dem Hinweis, daß Jörg der Erste und Einzige gewesen sei, der bisher etwas gespendet habe. Jareds E-Mail-Adresse endete auf @mac.com. Von Apple wurde damals auch die sogenannte iDisk angeboten. Jeder, der eine E-Mail-Adresse bei Apple hatte, bekam über das Internet Datenspeicher zur Verfügung gestellt. Dieser Speicher hatte einen öffentlichen und einen nichtöffentlichen Bereich. Der öffentliche Bereich setzte sich aus „mac.com“ und der E-Mail-Adresse zusammen, und so dachte sich Jörg, er guckt mal, was das denn für ein Typ ist, mit dem er E-Mails austauschte, und was im öffentlichen Teil dessen iDisc liegt. Dort fand Jörg Abbildungen eines Buches über Gin, und er hat es sich heruntergeladen. Ganz artig bedankte er sich bei Jared und schrieb, daß er sich für die 10 Dollar gerade die Kopien heruntergeladen hätte, wodurch Jared erst auffiel, daß diese Seiten öffentlich zugänglich waren. Jedenfalls durfte Jörg diese Kopien behalten. Das Buch war ein von den „Travelling Mixologists“ veröffentlichter Band über Gin. Dieses Buch hatten Jared und Anistatia in einer Bücherei in Manhattan gefunden. Diese war leider abgebrannt, doch waren das Buch und einige andere Bände dieser Reihe glücklicherweise zuvor auf Mikrofilm abgelichtet worden, so daß sie erhalten geblieben sind. Jörg las in dem Buch, und ihm fiel das Rezept für den Cosmopolitan auf. Es gab einen Cosmopolitan also nicht nur aus Wodka und Cranberrysaft, sondern schon viel früher, im Jahr 1934 publiziert. Zur Unterscheidung wird dieser Drink deshalb heute „Cosmopolitan 1934“ genannt. Seinen Fund machte Jörg bekannt, und informierte auch Jared darüber. [1] [4]

Das Buch war Teil einer Reihe, die Jared später bei Mixellany erneut publizierte. In dieser Reihe wurden von Christopher Müller mit Unterstützung von Al Hoppe Sr., A. V. Guzman und James Cunningham im Jahr 1934 sieben Bände mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten herausgegeben. Sie hatten zuvor die Rezepte aufgeschrieben, die sie in 30 Bars innerhalb der USA vor der Prohibition zubereitet hatten. Insgesamt bringt es die Sammlung auf stattliche 1374 Rezepte. Die Autoren kannten sich seit 1906. Die Bücher müssen recht erfolgreich gewesen sein, denn es gab eine überarbeitete Neuauflage zwei Jahre nach der Erstveröffentlichung. Diese Bände wurden jedoch vergessen und befanden sich nur noch in einigen wenigen Bibliotheken. 1995 wurden sie von Jared Brown und Anistatia Miller entdeckt, als sie Recherchen für ihr erstes Buch „Shaken Not Stirred: A Celebration of the Martini“ durchführten. Sie kopierten jede Seite der auf Mikrofilm vorliegenden Bände. Anschließend blieben die Kopien für weitere zehn Jahre liegen, bevor sie die Gin-Ausgabe erneut hervorholten, um Studien zum Martini zu betreiben. Unabhängig von Jörg Meyer entdeckten auch sie, so lesen wir im Vorwort der Neuausgabe, den Cosmopolitan. [2] [9]

Cosmopolitan. American Traveling Mixologists, 1934.

Jigger Gordon’s Gin
2 Dashes Cointreau
Juice of One Lemon
Teaspoon Raspberry Syrup
Glass No. 4. Shake and strain.

Der historische Kontext

Der Cosmopolitan wird bei den Traveling Mixologists als Daisy geführt. Daisies wurden für gewöhnlich mit Grenadinesirup zubereitet, doch finden sich gelegentlich und auch schon recht früh Varianten mit Himbeersirup, so beispielsweise 1908 bei Jacob Abraham Grohusko in seinem „Jack’s Manual“ oder 1913 bei Jaques Straub in seinem „Complete Manual of Mixed Drinks“:

Gin Daisy. Jacob Abraham Grohusko, 1908.

Juice of 1 lemon
50% high and dry gin
50% raspberry syrup
Fill glass with fine ice.
Shake with shaker, strain in
glass, fill with siphon and
serve.

Gin Daisy. Jacques Straub, 1913.

Juice 1/2 Lemon.
1 Jigger Gin.
1/2 Jigger Raspberry Syrup.
In Goblet Fine Ice.
Fruits.

Der Cosmopolitan ist also im Grunde genommen durch die Zugabe von Orangenlikör nichts anderes als eine fancy Gin Daisy. Die Verwendung von Orangenaromen ist dabei nichts Neues, denn 1908 bei Jacob Abraham Grohusko werden für seine Brandy Daisy und seine June Daisy ebendiese in Kombination mit der Himbeere schon eingesetzt:

Brandy Daisy. Jacob Abraham Grohusko, 1908.

1 teaspoonful sugar
Juice 1/2 lemon
Juice 1/2 orange
Juice 1/2 lime
25% Raspberry syrup
75% brandy
Fill glass with cracked ice.
Shake and strain. Fill with
fizz water and serve.

June Daisy. Jacob Abraham Grohusko, 1908.

(In large glass.)
1 teaspoonful sugar
10 dashes raspberry syrup
Juice 1/2 lemon
Juice 1/2 orange
Juice 1/2 lime
75% high & dry gin
Fill glass with fine ice.
Shake well together, fill glass
with ginger ale. Stir with
spoon carefully and serve.

Auch der Einsatz von Orangenlikör ist etwas, daß beispielsweise 1912 bei John H. Considines Gin Daisy im „The Buffet Blue Book“ zur Anwendung kommt:

Gin Daisy. John H. Considine. 1912

Prepare this drink in the same manner
as Brandy Daisy, substituting gin for
brandy.

BRANDY DAISY.

A large bar glass, half full of ice; 3 or 4
dashes of syrup, 3 dashes curacoa, 3 dashes
lemon juice, 1 wine glass brandy. Shake
thoroughly, strain in small thin glass, fill
up with seltzer or Apollinarls, and serve.

Wir wollen an dieser Stelle nicht darauf eingehen, wie repräsentativ die zuvor genannten Rezepte für Daisies an und für sich sind. Es geht vielmehr darum zu zeigen, daß der Einsatz von Himbeere und Orange wenn auch selten, so doch schon vor dem „Cosmopolitan 1934“ nachweisbar ist. Am dichtesten am Cosmopolitan ist der Leonora Cocktail, von Jacob Abraham Grohusko im Jahr 1908 erstmals genannt:

Leonora Cocktail. Jacob Abraham Grohusko, 1908.

25% orange juice
50% Gordon gin (dry)
25% raspberry syrup
1/2 glass cracked ice.
Frappe, strain and serve.

Der Name

In den historischen Büchern gibt es gelegentlich Drinks mit dem Namensbestandteil „Cosmopolitan“. Als Beispiel sei auf Adolphe Torellis „American Drinks Dictionary“ aus dem Jahr 1927 verwiesen. Es gibt dort einen „Cosmopolitan Claret Cup“, einen „Cosmopolitan Delight“ und einen „Cosmopolitan Punch“. Hans Schönfeld und John Leybold kennen in ihrem Lexikon der Getränke auch einen „Cosmopolitan-Cooler“.

Es sieht tatsächlich so aus, als sei der Cosmopolitan sowohl inhaltlich als auch namentlich nur bei den Travelling Mixologists geführt. In der Tat konnten wir in den übrigen Büchern kein wirklich vergleichbares Rezept finden. Ähnlich sieht es bei der Bezeichnung aus. Bei den Travelling Mixologists hingegen gibt es den Cosmpopolitan nicht nur ein Mal! Tatsächlich gibt es dort 5 verschiedene Cosmopolitans, deren Rezepte wir in unserer Rezeptsammlung aufgeführt haben, und die alle voneinander verschieden sind und als Hauptspirituose Rye Whiskey, Chartreuse oder Sherry verwenden.

Es gibt jedoch eine Ausnahme. Im Jahr 1931, also drei Jahre vor den American Travelling Mixologists veröffentlicht Dominique Migliorero einen weiteren Cosmopolitan. Seine Rezeptur haben wir ebenfalls in die  Rezeptsammlung aufgenommen. Sein Name ist eigentlich irreführend, denn er ist mit seiner Kombination aus Gin, Wermut und Bitters nichts anderes als eine Variante des Martinez.

Das moderne Pendant

Der Vollständigkeit halber sei auch noch auf den „anderen“ in den 1990er Jahren entstandenen Cosmopolitan eingegangen, der ebenfalls Berühmtheit erreichte. Seine Rezeptur wird im Cocktailian wie folgt angegeben: [3]

Cosmopolitan

4,5 cl Zitrusvodka
1,5 cl Cointreau
1 cl Limettensfaft
3 cl Cranberrynektar.

Zubereitung: Geschüttelt.

Dieser Cocktail war sehr erfolgreich und wird verschiedenen Personen zugeschrieben. Wir wollen an dieser Stelle nicht näher analysieren, ob er nun von Cheryl Cook, Toby Cecchini oder John Caine stammt. Jedenfalls entstand er, als Absolut Citron auf den Markt kam. [3] [5] [6] [7] [8]

Quellen
  1. https://web.archive.org/web/20160516180409/http://bildungstrinken.com/27-gin-des-lebens/: Bildungstrinken #27: Der Gin des Lebens. alternativ: https://www.youtube.com/watch?v=dTNDpb1eQi8: Bildungstrinken #27: Der Gin des Lebens.
  2. American Traveling Mixologists (Charles C. [Cristopher] Mueller assisted by Al [Albert] Hoppe Sr., A. [Alfred] V. Guzman und James Cunningham): Pioneers of Mixing at Elite Bars 1903-1933. Neuauflage der 1934 erschienenen Originalversion: The Complete and Annotated Edition, Mixellany Limited, London, 2009. ISBN 978-0-9821074-3-0.
  3. Helmut Adam, Jens Hasenbein, Bastian Heuser: Cocktailian 1. Das Handbuch der Bar. 2. Auflage, ISBN 978-3-941641- 41-9. Wiesbaden, Tre Torri Verlag, 2011. Seite 390.
  4. http://bitters-blog.blogspot.de/2007/02/pioniers-of-mixing-gin-classic.html: Pioniers of mixing Gin – the classic cosmopolitain. Von Jörg Meyer, 7. Februar 2007.
  5. http://www.barmixmaster.com/2008/05/sex-and-city-cosmopolitan.html: The Cosmopolitan, Sex and the City. Von Brad Ellis, 24. Mai 2008.
  6. http://www.barrypopik.com/index.php/new_york_city/entry/cosmopolitan_cocktail/: Cosmopolitan (cocktail). Von Barry Popik, 10. Januar 2005
  7. http://web.archive.org/web/20070707072947/http://www.ardentspirits.com/ardentspirits/Newsletter/vol7Issue06.html#cosmo: The Birth of the Cosmopolitan: A Tale of Two Bartenders. Von Gary Regan und Mardee Haidin Regan, 6. Oktober 2006.
  8. Gary Regan: The Birth of the Pinks. Being the whole and true story, or stories, behind the creation of the last true classic cocktail to be born in the twentieth century. Veröffentlicht in: Mixologist. The Journal of the American Cocktail. Band 2. ISBN 0-9760937-1-5. New York, Mixellany, 2006.
  9. https://web.archive.org/web/20080210014552/http://www.martiniplace.com/Blog/1AEE70EA-391F-4A39-B201-B71CFE82FC2C.html: The Real Cosmopolitan. Von Anistatia Miller, 30. Januar 2007.
  10. Die historischen Bücher sind in unseren Beiträgen über historischen Bar-Bücher verzeichnet.

Historische Rezepte

1931 Dominique Migliorero: L’Art du Shaker. Seite 19. Cosmopolitan Cocktail.

2 traits d’Angostura Bitter, 1/3 Vermouth Italien, 2/3 Hol-
land Gin (Schiedam).
Bien glacer. Passer dans un verre à cocktail, servir avec
un zeste de citron.
(Recette de l’Auteur.)

1934 American Traveling Mixologists (Charles C. Mueller, Al Hoppe Sr., A. V. Guzman & James Cunningham): Pioneers of Mixing at Elite Bars 1903-1933. Cosmopolitan.

Jigger Gordon’s Gin
2 Dashes Cointreau
Juice of One Lemon
Teaspoon Raspberry Syrup
Glass No. 4. Shake and strain.

1934 American Traveling Mixologists (Charles C. Mueller, Al Hoppe Sr., A. V. Guzman & James Cunningham): Pioneers of Mixing at Elite Bars 1903-1933. Cosmopolitan.

2/3 Rye
1/6 Crème de Yvette
1/6 Italian Vermouth
Dash Grenadine and Picon
Glass No. 2. Stir.

1934 American Traveling Mixologists (Charles C. Mueller, Al Hoppe Sr., A. V. Guzman & James Cunningham): Pioneers of Mixing at Elite Bars 1903-1933. Cosmopolitan.

2/3 liquor glass yellow chartreuse
1/3 liquor glass benedictine
3 lemon juice jiggers
1/2 lb. Sugar
1 quart red burgundy
Pint perrier
Mix as above. Decorate, etc.
Serve in bowls.

1934 American Traveling Mixologists (Charles C. Mueller, Al Hoppe Sr., A. V. Guzman & James Cunningham): Pioneers of Mixing at Elite Bars 1903-1933. Cosmopolitan – Cold.

Jigger Rye
1/3 Lemon Juice
Dashes Cointreau and Port
Fill glass 2/3 ice. Stir. Fill split White
Rock. Decorate slice oranges, mint.
Glas No. 8.

1934 American Traveling Mixologists (Charles C. Mueller, Al Hoppe Sr., A. V. Guzman & James Cunningham): Pioneers of Mixing at Elite Bars 1903-1933. Cosmopolitan – Hot.

Jigger sherry
1/6 Jamaica rum
3 dashes of lemon juice
Teaspoon sugar
Stir. Fill 2/3 hot water, slice round
lemon. Glas No. 15.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Sie dient lediglich dazu, daß wir gegebenenfalls direkt mit Dir Kontakt aufnehmen können.