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Vom Ursprung des Cocktails. Teil 5: Der Cocktail als Medizin

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In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit dem medizinischen Nutzen eines Cocktails und beschäftigen uns mit der These, daß man den Cocktail zur Stärkung der Gesundheit trinken solle.

Aufgrund ihres Umfangs erfolgt die Veröffentlichung dieser Abhandlung über den Ursprung des Cocktails  in mehrere Teilen, die sich wie folgt gestalten:

Vierte Zwischenbetrachtung

Nachdem wir das evolutionäre Bindeglied zwischen Ingwer, Ingwer-Getränken und dem amerikanischen Cocktail gefunden haben, nämlich einen Cocktail, der mit Ingwer zubereitet werden soll, ist es aus unserer Sicht angebracht, sich über den medizinischen Nutzen von Cocktails Gedanken zu machen, bevor wir weitere Schlußfolgerungen ziehen können.

Der Cocktail als Medizin

Wir haben uns in einem vorherigen Kapitel damit beschäftigt, welche Grundzutaten eines Cocktails in England schon verwendet wurden. Die Frage dahinter war, ob es einen klassischen Cocktail nicht auch schon in England hätte geben können, oder ob dieser als eine amerikanische Erfindung einzustufen sei. Wir sind dabei auf Burnt Brandy und Stoughton’s Bitters gestoßen. Hinzu kommt der Ingwer als integrale Zutat, die aus einem Drink einen Cocktail macht. Man liest gelegentlich, der Cocktail sei etwas, das man zur Erhaltung der Gesundheit zu sich nehme, und man ihn als Medizin betrachten könne. Spricht etwas für diese These? Gehen wir also im folgenden auf die einzelnen Zutaten ein.

Burnt Brandy

Burnt Brandy wurde von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts bei Verstopfung und Magenleiden verschrieben. [1-213]

Enzian

Enzian wurde als ein magenstärkendes Mittel angesehen und war auch Hauptbestandteil von Stoughton’s Elixir. [2-425] Letzteres wurde von vielen Personen und auch Kindern eingenommen [3-9] und als exzellente, vorbeugend einzunehmende Medizin angesehen, die man morgens und abends zu sich nahm. [4-77]

Safran

Safran war ebenfalls Bestandteil von Stoughton’s Elixir. Safran hat viele Einsatzfelder, gilt auch als Stärkungsmittel für den Magen und wirkt gegen Appetitlosigkeit. Auch helfen die enthaltenen leichten Bitterstoffe bei Leberbeschwerden. [7]

Ingwer

Ingwer wurde eingenommen als magenstärkendes Mittel und gegen Blähungen und wurde deshalb als eine nützliche Zutat bei Infusionen angesehen. [2-425]

Aus diesem Grunde wurde auch Ingwer-Brandy als etwas Medizinisches angesehen, so lesen wir in einem Lexikon aus dem Jahr 1800. [11] Man findet in den Handbüchern der Veterinärmedizin aus dieser Zeit auch eine Rezeptur gegen Koliken, bestehend aus Wasser, Hafer, Gin und Ingwer. [6]

George Edwin Roberts & Henry Porter: Cups And Their Customs, 1863. Recipe for a Hunting-flask.

George Edwin Roberts & Henry Porter: Cups And Their Customs, 1863. Recipe for a Hunting-flask. [5-50]

Ingwer wurde zur Stärkung der Gesundheit verwendet, und wir können seinen Einsatz auch mit George Edwin Roberts und Henry Porters 1863 erschienenen Buch „Cups and Their Customs“ belegen. Auf Seite 50 lesen wir, daß man gerne auch ein Stückchen Ingwer bei der Jagd in seiner Tasche hatte: [5-50]

Recipe for a Hunting-flask.
As to the best compound for a hunting-flask, it will
seldom be found that any two men perfectly agree; …
Then again, if we take the opinion of our
huntsman, who (of course) is a spicy fellow, and ought
to be up in such matters, he recommends a piece of
dry ginger always kept in the waistcoat pocket; and
does not care a fig for anything else. So much for
difference of taste; …

Ingwer wurde in vielfältiger Form zur Erhaltung der Gesundheit genossen. In „Cups and Their Customs“ finden wir einen weiteren Hinweis: [5-21]

About this time [um 1727], one Lord Holies, who probably
represented the total abstainers of the age, invented a
drink termed Hydromel, made of honey, spring-water,
and ginger; and a cup of this taken at night, said he,
„will cure thee of all troubles,“ — thus acknowledging
the stomachic virtues of cups, though some warping of
his senses would not let him believe, to a curable ex-
tent, in more potent draughts: being in charity with
him, we hope his was a saving faith, — but we have our
doubts of it, he died so young.

Wir lesen, daß um 1727 Lord Holies ein Getränk aus Quellwasser, Honig und Ingwer erfunden habe, welches er Hydromel nannte, und er wäre der Meinung gewesen, daß eine Tasse davon, die man zur Nacht zu sich nähme, alle Beschwerden heile. Allerdings – so klären uns die Autoren auf – mag man daran auch Zweifel haben, denn der Lord verstarb schon früh.

In einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1722 lesen wir über ein Mittel, das gegen Pest helfen soll: [8-7] [8-8]

TAke 2 Quarts of Canary, (if you cannot get Sack, take Claret
or any other Wine: Poor People may take it of good Beer)
put into it a Rue and Sage of each one good Handfull, Boil these
together in a Pipkin close cover’d, till about a Pint is boiled a way
Then strain it off, and set it over the Fire again, and put into it
one Dram of Saffron, one Dram of Long Peper, half an Ounce of
Ginger, and two good large Nutmegs all well beaten together
Then let it boil a quarter of an Hour, take it off the Fire, and di-
ssolve in it of Mithridate an Venice Treacle of each a full Ounce;
and keep it close stopt for Use.
This thing is that great Secret which the College of Physicians in
their Directions for the Plague, that they publith’d by express Or-
der of the King and Council, in the great Sickness Year 1665, order-
ed Persons to make use of, and by which such vast Numbers were
Preserved and Recovered. Nay, a certain Phisician who staid in
London during the whole Sickness, and constantly visited the in-
fected, and by Consequence was an Eye Witness of the dismal Tra-
gedy then acted, positively afferts, That non that took of it died.

Take of this every Morning, and at last every Night three or four
Spoonfuls for Preservation: But if a Sick Person takes it, you may
give neara Quarter of a Pint or more at a Time, putting them to
Bed, to Sweat well upon it.

But here all Persons are desired to take Notice, that although
the best and most Rational Method of Cure of the Plague consists in
Sweating, yet this ought to be moderate, and not at all by the vio-
lent Force of very hot Medicins, so as to over-heat the Blood; and
therefore if the foregoing Drink prove too hot for some Constitu-
tions, you many lave out the Pepper, Nutmegs and Ginger: Or
put in only some one of them; for Example the Ginger —- Again:
If you do put in the foregoing Ingedients, then the Dose must be
so moderate as to cause a good Sweat without over-heating the
Blood.

Anonymus, 1722: The late dreadful Plague. Seite 7.

Anonymus, 1722: The late dreadful Plague. Seite 7. [8-7]

Anonymus, 1722: The late dreadful Plague. Seite 8.

Anonymus, 1722: The late dreadful Plague. Seite 8. [8-8]

Man vermischte also bereits 1665 einen Sack, alternativ einen anderen Wein oder ersatzweise sogar Bier, mit Raute und Salbei, Safran, Stangenpfeffer, Ingwer, Muskat, löste Mitridat [9] und Teriak [10] darin auf. Diese Mischung helfe gegen die Pest, so wird uns berichtet. Die Rezeptur sei auf Order des Königs im Großen Jahr der Krankheit 1665 publiziert worden, und durch diesen Trunk seien zahlreiche Personen gesundet. Ein gewisser Arzt, der während der Krankheitswelle die ganze Zeit in London geblieben wäre und beständig die Kranken besucht habe, und deshalb als Augenzeuge dieser Tragödie gelten könne, gebe an, daß niemand, der diese Medizin zu sich genommen hätte, starb. Man nehme davon jeden Morgen, und mindestens auch jede Nacht, drei bis vier Löffel voll zur Vorbeugung, doch eine kranke Person sollte ein viertel Pint oder mehr davon zugleich nehmen und sich anschließend ins Bett legen, um zu schwitzen. Wir werden jedoch auch darüber aufgeklärt, daß diese Schwitzkur zwar das beste Mittel gegen die Pest sei, man aber aufpassen müsse, um das Blut nicht zu überhitzen. Sollte deshalb der zuvor genannte Trunk zu stark sein, so möge man Pfeffer, Muskat oder Ingwer weglassen, oder man möge nur eines davon verwenden, beispielsweise Ingwer.

Das ist doch eine sehr interessante Quelle. Ingwer, Safran und andere Zutaten waren auch in Stoughton’s Elixir, und man nahm es auch in Sack als Royal Purl ein. Stoughton’s Elixir geht also anscheinend auf medizinische Tränke der Vergangenheit zurück.

Schlußfolgerung

Wir haben bereits darüber geschrieben, daß alle Zutaten, die man in einen amerikanischen Cocktail gibt, nämlich eine Spirituose mit Bitter, Zucker und Wasser, prinzipiell alle schon in England des 18. Jahrhunderts zur Anwendung kamen. Wir haben auch dargelegt, daß in englischen Zeiten erst der Ingwer einen Cocktail zum Cocktail machte, da er namensgebend ist. Nehmen wir alle diese Zutaten zusammen, beispielsweise in Form eines „burnt brandy“ (was letzten Endes nichts anderes als ein gezuckerten Cognac ist), einen Bitter in Form eines Stoughton Bitter (mit Enzian und Safran) und zusätzlich noch Ingwer, beispielsweise in Form eines Ingwersirups oder als „ginger brandy“, so besitzen alle Komponenten einen medizinischen Nutzen, denn sie  wurden alle als Magenmittel eingesetzt.

Die Angabe, die man oft finden kann, nämlich daß man einen Cocktail als Medizin bereits am Morgen zu sich nahm, wird vor dieser Herleitung plausibel. Gibt man nun noch entsprechend viel Wasser hinzu, um den Alkoholgehalt deutlich zu reduzieren – auch darüber haben wir bereits geschrieben und dies auch anhand von Quellen belegt – so erscheint der Cocktail in einem ganz anderen Licht. Er dient dann jedenfalls nicht dazu, bereits am frühen Morgen einen Schwips zu bekommen.

Quellen
  1. David Wondrich: Imbibe! From Absinthe Cocktail to Whiskey Smash, A Salute in Stories and Drinks to „Professor“ Jerry Thomas, Pioneer of the American Bar. 2. Auflage. ISBN 978-0-399-17261-8. New York, 2015, Seite 313-316. Angegeben wird zusätzlich im Quellenvermerk die Seite im Buch, beispielsweise bedeutet [1-15]: Seite 15.
  2. William Buchan: Domestic medicine: or, a treatise on the prevention and cure of diseases by regimen and simple medicines. London, W. Lewis, 1830.  Angegeben wird zusätzlich im Quellenvermerk die Seite im Buch, beispielsweise bedeutet [2-15]: Seite 15. https://archive.org/stream/b2874116x#page/425/mode/1up
  3. Gamaliel Bradford: An address delivered before the Massachusetts Society for the Suppression of Intemperance. June, 1826. Boston, Massachusetts Society, 1826. Angegeben wird zusätzlich im Quellenvermerk die Seite im Buch, beispielsweise bedeutet [3-15]: Seite 15. https://archive.org/stream/60531560R.nlm.nih.gov/60531560R#page/n10/mode/1up
  4. Major John Taylor: From England To India, In The Year 1789, By the Way of the Tyrol, Venice, Scandaroon, Aleppo, and Over the Great Desart to Bossura; With Instructions for Travellers; and An Account of the Expence of Travelling, &c. &c. Band 2. London, 1799. Angegeben wird zusätzlich im Quellenvermerk die Seite im Buch, beispielsweise bedeutet [4-15]: Seite 15. https://archive.org/stream/in.ernet.dli.2015.280069/2015.280069.From-England#page/n78/mode/1up
  5. George Edwin Roberts & Henry Porter: Cups And Their Customs. London, John Van Voorst, 1863. Angegeben wird zusätzlich im Quellenvermerk die Seite im Buch, beispielsweise bedeutet [4-15]: Seite 15.
  6. http://www.telegraph.co.uk/luxury/travel/1256/the-surprising-history-of-the-cocktail.html: The surprising history of the cocktail. Von Jared Brown, 13. Dezember 2012. Dieser Artikel war leider nicht mehr einsehbar beim Telegraph. Man findet ihn jedoch auch hier: https://web.archive.org/web/20131013065914/http://www.telegraph.co.uk/luxury/travel/1256/the-surprising-history-of-the-cocktail.html
  7. https://heilpraktiker.de/naturheilkunde/die-medizinische-wirkung-von-safran-auf-den-menschlichen-organismus: Die medizinische Wirkung von Safran auf den menschlichen Organismus.
  8. Anonymus: The late dreadful Plague. Ohne Ort, [1722]. https://books.google.ca/books?id=y45eAAAAcAAJ&pg=PA7 (Seite 7) und https://books.google.ca/books?id=y45eAAAAcAAJ&pg=PA8 (Seite 8)
  9. https://de.wikipedia.org/wiki/Mithridat: Mithridat.
  10. https://en.wikipedia.org/wiki/Theriac: Theriac.
  11. Anonymus: Cassells Domestic Dictionary, Or: Encyclopaedia for the Household. London, Paris & New York, 1800. En Seite 571. https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.83722?q=%22ginger+brandy%22

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