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British Navy Rum, Teil 1: Herkunft des Rums

Titelbild Navy Rum 1

In dieser Serie gehe ich der Frage nach, was ein ‚British Navy Rum‘ eigentlich ist. Wann und warum entstand er? Aus welchen Rums wurde er geblendet? Welche Vorschriften gab es? Wie schmeckte er? Hat er sich im Laufe der Zeit verändert?

Prolog

»Bei allen neuen Siedlungen, die die Spanier errichten, ist das erste, was sie tun, eine Kirche zu bauen, das erste, was die Holländer bei einer neuen Kolonie tun, ist, sich ein Fort zu bauen, aber das erste, was die Engländer tun, sei es im entlegensten Teil der Welt oder bei den barbarischsten Indianern, ist, eine Schenke oder ein Trinkhaus zu errichten.«

– »Upon all the new settlements the Spaniards make, the first thing they do is build a church, the first thing ye Dutch do upon a new colony is to build them a fort, but the first thing ye English do, be it in the most remote part of ye world, or amongst the most barbarous Indians, is to set up a tavern or drinking house.«

So beschreibt Thomas Walduck im Jahr 1710 seine Eindrücke in einem Brief an John Searle. [1-196] [3] Ersterer war ein britischer Seemann, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts etwa fünfzehn Jahre lang auf den West Indies stationiert war und die britischen und spanischen Kolonien bereiste. [2]

Diese britische Affinität zum Alkohol zeigt sich auch daran, dass um 1647, nur zwanzig Jahre, nachdem die Engländer Barbados kolonisiert hatten, in dessen Hauptort Bridgetown bereits 120 Schenken existierten. [1-196]

Importstatistiken

Um zu verstehen, was ein Navy-Rum ist, müssen wir verstehen, welcher Rum in London verfügbar war, denn aus diesem wurde der Navy-Blend hergestellt. Deshalb beschäftigen wir uns zunächst mit den Importstatistiken.

1773 und 1782

John Lord Sheffield: Observations on the commerce of the American states. 1784, Seite 345 ff.
John Lord Sheffield: Observations on the commerce of the American states. 1784, Seite 345 ff. [6-345 ff.]

Der Importstatistik für die Jahre 1773 und 1782 für England und Schottland können wir interessante Werte entnehmen. Beispielsweise wurden im Jahr 1773 nach England und Schottland 2.282.286,5 Gallonen Rum importiert, davon stammten nur 14.079 Gallonen, das sind 0,6 %, nicht von den West Indies. [6-345 ff.]

Die fünf größten Lieferanten der West Indies waren Jamaica 92,97 % (2.121.890,5 gal), Granada 3,26 % (74.509,5 gal), St. Vincents 1,15 % (26.178 gal), Dominica 0,48 % (10.951 gal), Barbados 0,38 % (8.629 gal). [6-345 ff.]

Man sieht, dass diese Mengen durchaus variabel waren, denn beispielsweise 1782 gab es leichte Verschiebungen. Der Rest der Welt lieferte nur 117 Gallonen, und die fünf größten Lieferanten der West Indies waren: Jamaica 81,81 % (1.422.400 gal), Antigua 8,82 % (153.348,5 gal) , St. Kitts 5,92 % (102.910 gal), Nevis 1,05 % (18.307 gal), Barbados 0,55 % (9.573 gal). [6-345 ff.]

Jamaika steht mit Abstand an erster Stelle. Aus Guyana (Demerara) wurde noch kein Rum importiert. Das verwundert nicht, denn der Besitz wechselte bis 1814 mehrmals zwischen den Kolonialmächten Niederlande, Großbritannien und Frankreich: Im Jahr 1796 übernahm Großbritannien die drei Kolonien Essequibo, Demerara und Berbice während der Feindseligkeiten mit den Franzosen, die die Niederlande besetzt hatten. 1802 gab Großbritannien die Kontrolle an die Niederländer zurück, eroberte die Kolonien jedoch ein Jahr später während der Napoleonischen Kriege. Die Kolonien wurden 1814 offiziell an das Vereinigte Königreich abgetreten und 1831 zur Kolonie British-Guyana vereinigt. [10] [11]

1808 bis 1838

Die Importstatistik der Rum-Importe aus den West Indies in das Vereinigte Königreich widerspiegeln diese Veränderung: die Zunahme der Bedeutung British Guyanas zeigt sich in den Statistiken von 1808 bis 1838. Da die Mengen der einzelnen Kolonien teils erheblich schwanken, habe ich die Daten von jeweils 10 Jahren zusammengefasst und betrachte dann nur die fünf größten Lieferanten. Es ergibt sich durchschnittlich dieses jährliche Bild:

Appendix of official documents ... of the colonies of the British Empire. Book I. 1839, Seite 5.
Appendix of official documents … of the colonies of the British Empire. Book I. 1839, Seite 5. [13-5]

1808-1817: Jamaica 60,34% (37.455.161 gal), Demerara 9,13 % (5.666.201 gal), Grenada 8,74 % (5.426.727 gal), Tobago 6,73 % (4.178.371 gal), St. Vincents 4,67 % (2.899.427 gal). [13-5]

1818-1827: Jamaica 58,11 % (30776552 gal), Demerara 19,86 % (10517178 gal), Tobago 6,93 % (3669440 gal), Grenada 6,11 % (3233447 gal), St. Vincents 2,81 % (1489572 gal). [13-5]

1828-1838: Jamaica 51,74 % (30152503 gal), Demerara 27,68 % (16129834 gal), Tobago 6,19 % (3604342 gal), Grenada 4,44 % (2589376 gal), Berbice 2,34 % (1360679 gal). [13-5]

Auch wenn die Statistik Unschärfen aufweisen mag – denn beispielsweise stimmen darin die Total-Summen nicht hundertprozentig – ergibt sich jedoch daraus ein klares Bild.

1855

British Almanac of the society for the diffusion of useful knowledge, for the year of our Lord 1857. Seite 153.
British Almanac of the society for the diffusion of useful knowledge, for the year of our Lord 1857. Seite 153. [8-153]

Eine Statistik über die nach Großbritannien importierten Spirituosen aus dem Jahr 1855 zeigt, wie wichtig Rum war. Aus West India und Mauritius wurden 7.225.849 Proof Gallons importiert. Weit abgeschlagen folgen East India mit 617.682 Proof Gallons und andere Länder (britisch oder ausländisch) mit 869.806 Proof Gallons. [8-153]

Interessant ist zudem, dass für den heimatlichen Verbrauch fast nur Rum aus West India oder Mauritius verwendet wurde: 3.186.623 Proof Gallons; Rum anderer Herkunft macht nur 36952 Proof Gallons aus, davon nur 165 »ausländischer’ Herkunft. [8-153]

Rum wurde auch exportiert (insgesamt 3.209.004 Proof Gallons), als Vorrat versandt (246.156 Proof Gallons), oder an die Navy geliefert (1.104.523 Proof Gallons). [8-153]

Der Anteil der Navy setzte sich wie folgt zusammen: 979.358 Proof Gallons aus West India und Mauritius, 29.276 Proof Gallons aus East India »and mixed«, 93.889 Proof Gallons ausländischer Herkunft, »including Foreign and British, vatted together«. [8-153]

Rum war ein sehr wichtiges Importgut. Als Vergleich: Von den 1.943.908 Proof Gallons Brandy wurden 1.525.578 auf dem heimischen Markt konsumiert, 910.423 Proof Gallons wurden exportiert, 91.963 Proof Gallons als Vorrat verschickt und nur 2.157 Proof Gallons gingen an die Navy! [8-153]

Oft wird darüber spekuliert, dass auf den Schiffen der Royal Navy nicht nur Rum, sondern auch Brandy und Gin getrunken wurde – ich erinnere nur an die Mythen rund um den Gimlet. Diese Statistik des Jahres 1855 zeigt nun: Die an die Navy gelieferte Menge an Brandy betrug nur 2,3 % der Rum-Menge! Genever wurde kaum importiert. Von den importierten 219.041 Proof Gallons gingen nur 25.181 Proof Gallons in den heimischen Markt, nichts an die Navy und dre Rest wurde wieder exportiert.

176.418 Proof Gallons für den Export, 15.428 Proof Gallons als Vorrat verschifft und nichts davon für die Navy. An anderen Spirituosen wurden nur 96.747 Proof Gallons importiert. An anderen Spirituosen wurden nur 96.747 Proof Gallons importiert. [8-153]

Angaben dazu, ob und wieviel Gin an die Navy geliefert wurde, konnte ich nicht finden. Die offiziellen Vorschriften legen jedoch nahe, dass Gin kein Bestandteil der Ration war. Wir liegen daher sicher nicht falsch, wenn wir beides zusammen als deutlichen Hinweis darauf sehen, dass es Gin an Bord praktisch nicht gab.

1910er Jahre

Natürlich wurde Rum aus britischen Kolonien bevorzugt importiert, denn wie es ein Buch über die Geschichte des Londoner Hafens aus dem Jahr 1921 treffend zusammenfasst: »Die Westindischen Inseln waren in unseren eigenen Händen und besser geschützt, weil Zucker ein für die Nation notwendigeres Nahrungsmittel war und außerdem Rum für die Marine benötigt wurde.« [4-140]

Joseph Guinness Broodbank: History of the port of London. 1921, Seite 140.
Joseph Guinness Broodbank: History of the port of London. 1921, Seite 140. [4-140]

– »The West Indies were in our own hands and better protected because sugar was a food more necessary to the nation, and, moreover, rum was required for the navy.« [4-140]

Volkswirtschaftlich gesehen ist es besser, das Geld in den eigenen Kolonien auszugeben, als Rum aus anderen Besitzungen zu erwerben. Nach Großbritannien wurde viel Rum aus den britischen Kolonien importiert, denn im Gegensatz zu den Franzosen, Portugiesen und Spaniern hatten die Briten keinen einheimischen Wein- und Branntweinhandel zu schützen, und die Kolonialverwaltung erlaubte die Herstellung von Rum und dessen Ausfuhr in andere britische Kolonien. [7-29] [7-30]

Wie viel Rum wurde von den West Indies 1913, 1916 und 1917-18 exportiert?

E. H. S. Flood: The alcohol and the rum trade in the British West Indies. 1920, Seite 1319-1320.
E. H. S. Flood: The alcohol and the rum trade in the British West Indies. 1920, Seite 1319-1320. [5-1319]

Die Statistik für 1913 besagt: British Guyana 3.260.986 gal; Jamaica 953.677 gal; Trinidad 102.323 gal; Leeward Islands 18.464 gal; Barbados 7.963 gal; St. Lucia 1.776 gal; St. Vincent 1.081 gal. [5-1319]

In 1916 waren es: British Guyana 4.386.834 gal; Jamaica 1.797.913 gal; Trinidad 554.202 gal; Barbados 99.062 gal; St. Lucia 18.014 gal; St. Vincent 8.725 gal. Leeward Islands 2.542 gal; Grenada 1.143 gal; [5-1320]

Wir sehen, wie bedeutend der Anteil des Rums aus British Guyana inzwischen war, und wie sehr die Mengen aus Jamaika im Gegenzug sanken.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammten etwa 85% des importierten Rums aus Jamaika und die restlichen 15 % stammten zumeist aus Barbados, das in jener Zeit den Großteil seines Rums in die nordamerikanischen Kolonien exportierte. [9] Die britischen Rum-Trinker bevorzugten damals jamaikanischen Rum, der barbadische wurde überwiegend wieder exportiert. [9]

Die Importstatistiken spiegeln sich auch bei der Navy wider: anfänglich kaufte sie den größten Teil ihres Rums aus Jamaika und Barbados. Im 19. Jahrhundert wurde dann Rum aus Guyana bevorzugt. [9]

1970er Jahre

Eine Statistik aus den 1970er Jahren [12] zeigt die importierten Rum-Mengen ins Vereingte Königreich:

Conny Joy: The United Kingdom market for rum. 1982, Seite 10.
Conny Joy: The United Kingdom market for rum. 1982, Seite 10. [12-10]

Dabei zeigt sich kein konstanter Trend. Die Gesamtmengen schwanken zwischen 2.248.000 gal und 8.338.000 gal. Abwechselnd stammte die meiste Menge 8 Mal aus Jamaika, je ein Mal aus Barbados, Guyana oder von den Bahamas. Zu jener Zeit kaufte die Navy keinen Rum mehr. Der Inlandsverbrauch blieb relativ konstant, und die großen Schwankungen der importierten Mengen erklärt sich damit, dass die Rum-Exporte aus dem Vereinigten Königreich anstiegen. [12-10]

Conny Joy: The United Kingdom market for rum. 1982, Seite 11.
Conny Joy: The United Kingdom market for rum. 1982, Seite 11.  [12-11]

Die großen Mengenschwankungen erklären sich vielleicht dadurch, dass es Überkapazitäten gab bei einem relativ konstant bleibenden Inlandsverbrauch. [12-10] [12-11]

Die aus dem Jahr 1982 stammende Publikation erklärt: »In der Tat haben die derzeitigen Anbieter Überkapazitäten; ihre derzeitige Kapazität wird auf das Doppelte der Nachfrage nach ihrem Rum«. [12-11]

– »Indeed present suppliers have excess capacity; their current capacity is estimated at twice the level of demand for their rum.« [12-11]

Die zugehörige Tabelle zeigt, dass von den der geschätzten Produktionskapazität aus den Bahamas, Barbados, Guyana, Jamaica, Trinidad, und St. Lucia nur 26,7 % exportiert werden konnten. [12-11]

Nachdem wir nun die Statistiken betrachtet haben, wird sich der nächste Teil dieser Serie über die Geschichte des Rums in der Royal Navy bis 1823 beschäftigt.

Quellen
  1. Edward Hamilton: Das Rum-Buch. München, 1998. ISBN 3-7852-8432-2.
  2. https://plants.jstor.org/stable/10.5555/al.ap.person.bm000042921 Walduck, Thomas (fl. 1710-1715).
  3. Captain Thomas Walduck, Letter to John Searle, 1710, quote taken from Christine Sismondo, America Walks into a Bar: A Spirited History of Taverns and Saloons, Speakeasies and Grog Shops (New York: Oxford University Press, 2011), 4.
  4. https://archive.org/details/historyofportofl01broouoft/page/76/mode/2up?q=%22west+india+docks%22+%22rum%22+%22navy%22 Joseph Guinness Broodbank: History of the port of London. London, 1921.
  5. https://archive.org/details/commercialinte1920p1cana/page/1318/mode/2up?q=rum+british+statistics E. H. S. Flood: The alcohol and the rum trade in the British West Indies. In: Weekly Bulletin. Department of trade and commerce. Commercial intelligence branch. Canada, 1920.
  6. https://archive.org/details/bim_eighteenth-century_observations-on-the-comm_sheffield-john-holroyd-_1784/page/n401/mode/2up?q=rum John Lord Sheffield: Observations on the commerce of the American states. With an appendix; containing tables of the imports and exports of Great Britain to and from all parts, from 1700 to 1783. The sixth edition, London 1784.
  7. Richard Foss: Rum. A Global History. ISBN 978 1 86189 926 2. Reaktion Books Ltd, London, 2012.
  8. https://archive.org/details/britishalmanac1857sociuoft/page/152/mode/2up?q=%22navy+rum%22 British Almanac of the society for the diffusion of useful knowledge, for the year of our Lord 1857. London.
  9. Tristan Stephenson: The curious bartender’s guide to rum. ISBN 978-1-78879-238-7. London, 2020.
  10. https://de.wikipedia.org/wiki/Guyana Guyana.
  11. https://en.wikipedia.org/wiki/Guyana Guyana.
  12. https://web.archive.org/web/20171201085050/https://core.ac.uk/download/pdf/42389826.pdf Conny Joy: The United Kingdom market for rum. Report of the Tropical Products Institute G166, London, November 1982.
  13. https://books.google.de/books?id=_cdSAAAAcAAJ&pg=RA2-PA5&lpg=RA2-PA5&dq=rum+import+britain+statistics&source=bl&ots=gjHWQOLAvK&sig=ACfU3U25qHgT1BfmaJyO5_1q2kEm1nUz6w&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwjqj5Ohy9qGAxWugv0HHUGRCsU4MhDoAXoECAgQAw#v=onepage&q=rum%20import%20britain%20statistics&f=false Appendix of official documents relative to the commerce, agriculture, social state &c. of the colonies of the British Empire. Book I. – West Indies. In: Statistics of the colonies of the British Empire in the West Indies, South America, North America, Asia, Austral-Asia, Africa and Europe. London, 1839.

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Hallo, ich bin Armin, und in meiner Freizeit als Blogger, freier Journalist und Bildungstrinker möchte ich die Barkultur fördern. Mein Schwerpunkt liegt auf der Recherche zur Geschichte der Mischgetränke. Falls ich einmal eine Dir bekannte Quelle nicht berücksichtigt habe, und Du der Meinung bist, diese müsse berücksichtigt werden, freue ich mich schon darauf, diese von Dir zu erfahren, um etwas Neues zu lernen.