In diesem Beitrag betrachten wir die Geschichte des British Navy Rums von 1824 Jahr 1823.
1824-1850
Organisatorische Änderungen
Die Bedeutung von Rum innerhalb der Flotte zeigt sich auch daran, dass 1831 Rum sich endgültig als Teil der täglichen Ration etablierte; denn die allgemeine Ausgabe von Bier an die Flotte wurde in diesem Jahr eingestellt. [2-71]
Im Jahr 1832 erhielt die Admiralität durch weitreichende Reformen eine direktere Kontrolle über zivile Abteilungen, darunter auch die für Proviant zuständigen. Ab diesem Zeitpunkt waren die Verpflegungs-Kommissare nicht mehr autonom, sondern einem Seelord mit dem neuen Titel ›Controller of Victualling‹, ›Kontrolleur der Verpflegung‹ unterstellt. Dadurch lag die Qualitätskontrolle aller Bedarfe der Seeleute in einer Hand. Es war seine Aufgabe – und von niemandem sonst – sicherzustellen, dass der Geschmack, die Farbe und andere Eigenschaften des Rums dem entsprachen, was die Seeleute haben wollten. [2-43]
Queen Victoria war von 1837 bis 1901 Königin des vereinigten Königreichs. [5] Ungefähr zeitgleich mit ihrer Thronbesteigung begann auch die Herrschaft des Rums. Bis 1837 war das System für Entgegennahme, Lagerung und Ausgabe von Rum weitaus besser organisiert als zuvor. Rum wurde de facto als Teil der täglichen Ration anerkannt. Das bedeutete, dass die Schiffsbesatzungen das Recht darauf hatten und nur selten auf Ersatzprodukte zurückgriffen. [2-73] Rum wurde nun von allen Schiffen bei ihrer Abfahrt an Bord genommen. Dadurch wurde Brandy verdrängt, und auch von Arrak war kaum noch die Rede. [2-74]
1850-1918
Verbot der Getreide-Destillation
William Beckford war Parlamentsabgeordnete und Oberbürgermeister von London, und stammte aus einer mächtigen jamaikanischen Familie von Zuckerrohrpflanzern. In den 1850er Jahren waren die Getreideernten schlecht, und zusammen mit der Zuckerlobby setzte er ein Gesetz durch das die Destillation von Getreide verbot. Das eröffnete dem Rum zusätzliche Konsumenten. [3-16] [3-17]
Qualitätsverbesserung beim Rum
1850 empfahl ein von der Admiralität geschaffenes Komitee die vollständige Abschaffung der täglichen Rum-Ration. Diesem Vorschlag folgte man nicht; stattdessen wurde die Ration halbiert und nur noch einmal täglich ausgeteilt. [4] Diese drastische Reduzierung der Menge verstärkte die Notwendigkeit, Quantität durch Qualität zu ersetzen. Deshalb bestand die Aufgabe des Verpflegungsamtes darin, dies zu gewährleisten. Der Geschmack war wichtig, aber auch das Bouquet wurde immer wichtiger. Das Blenden des Rums wurde so immer wichtiger, und schließlich gab es einen etablierten Blend. Er bestand aus Demerara- und Trinidad-Rum, zusammen mit einem kleinen Anteil anderer Rumsorten. Die genaue Rezeptur war immer ein wohl gehütetes Geheimnis. Es gibt nur wenige Hinweise darauf. [2-85]
Zusammensetzung des Navy-Blends
In Deptford wurden die Fässer des Blends nie vollständig geleert, so dass eine gewisse geschmackliche Kontinuität gewahrt werden konnte, ähnlich wie in einer Solera. [1] Allerdings hat sich der in Deptford auf diese Weise hergestellte Blend im Laufe der Zeit verändert. [3-16]
Ursprünglich stammte der Rum hauptsächlich wohl aus Jamaika oder Barbados. Im 19. Jahrhundert überwog Rum aus Demerara, vermischt mit leichteren Rumsorten aus Trinidad und Barbados. [3-16] Zunächst stammte der größte Teil des Rums in Großbritannien aus Jamaika, den Barbados handelte hauptsächlich mit den amerikanischen Kolonien. Ab den 1740er Jahren kamen dann andere Zuckerkolonien hinzu. So gab es 1744 in British-Guyana (auch Demerara genannt) bereits sieben Plantagen. Im Jahr 1769 waren es bereits 56. [3-17] Am Ende des 18. Jahrhunderts erwirtschafteten die jamaikanischen Zuckerplantagen pro Jahr 15 Millionen Pfund, das war fünfmal mehr als jede andere Kolonie. [3-17] Im ersten Kapitel habe ich anhand der Statistiken gezeigt, wie sich im Laufe der Zeit Mengen und Herkunft des importierten Rums veränderten.
Jamaika-Rum
An dieser Stelle sei dies angemerkt: Jamaika-Rum war anfänglich wohl nicht das, was wir heute darunter verstehen. Im 19. Jahrhundert kam zu Absatz-Einbrüchen in der Zuckerindustrie, und die Pflanzer mussten entscheiden, ob sie weiterhin bei Zucker bleiben oder auf Rum umsteigen wollten. Dadurch waren andere Rohstoffe bei der Rumproduktion vorhanden. Zusätzlich wurden andere Destillationsmethoden verfügbar. Die neuen, leichteren Rumsorten galten als hochwertiger und erzielten höhere Preise. Charles Tovey zufolge hatte die Destillation in Demerara „einen hohen Grad an Perfektion erreicht, so dass er auf dem amerikanischen Markt so geschätzt wird wie Jamaika auf dem englischen Markt“. Jamaikanischer Rum mit seinen Pot-Still-Brennereien geriet unter Druck. Für Jamaika bedeutete dies, dass sie eine Antwort darauf finden mussten, was sie von den anderen Rumtypen unterschied. [3-22] [3-23] [3-24] Und Jamaika war mit seiner Strategie erfolgreich. 1904 heißt es: »In den West Indies wird ein großer Teil der Zuckerrohrproduktion in Form von Rum und Melasse exportiert. In Jamaika hat sich das Zuckerrohr vor allem wegen der hervorragenden Qualität und des guten Rufs des auf bestimmten Zuckerplantagen hergestellten Rums erhalten.« [7-151]
– »In the West Indies a large proportion of the produce of the cane is exported in the form of rum and molasses: in Jamaica the cane has held its ground largely in consequence of the excellence and reputation of the rum produced on certain sugar estates.« [7-151]
1914 lesen wir dementsprechend: »Der Herstellung von Jamaika-Rum wird große Aufmerksamkeit geschenkt. Die durchschnittliche jährliche Ausfuhr beträgt 1.300.000 Gallonen. Fast der gesamte Rum wird nach dem Vereinigten Königreich exportiert.« [6-390]
– »The manufacture of Jamaica rum receives a large share of attention. The average annual export is 1,300,000 gallons. Nearly all the rum is exported to the United Kingdom.« [6-390]
Guyana-Rum
Die Bedeutung von Rum aus British-Guayana, auch als Demerara bekannt, wuchs dank der zahlreichen aus China und Indien stammenden Arbeiter, die dort verfügbar waren. Rund 300 Brennereien, jede mit einer eigenen Destillerie, sorgten im Jahr 1849 dafür, dass fast die Hälfte des nach Großbritannien eingeführten Rums ein Demerara-Rum war. [3-26] Das ist ein erstaunlicher Anstieg, denn erst 1815 ließen sich Josias und George Booker dort nieder und begannen 1835 mit dem Versand und Zucker nach Liverpool und änderten so das Gesicht der britischen Rum-Importe. 1866 wurden sie als »die wichtigsten Händler der Kolonie« bezeichnet. So wurde Liverpool schnell zur wichtigsten Rum-Stadt, denn sie hatte im 18. Jahrhundert ihre Docks ausgebaut und hielt die Liegegebühren niedriger als London. British-Guyana wurde aufgrund der gelieferten Volumen und seiner vielfältigen Marken für die Blends immer wichtiger, und so enthielt der Navy Blend gegen Ende des 19. Jahrhunderts überhaupt keinen jamaikanischen Rum mehr, sondern überwiegend Demerara-Rum. [3-26] [3-27]
Guyana war ein wichtiger Exporteur von Rum: »Die Zuckerindustrie ist die wichtigste in Britisch-Guayana. Sie trägt 75 Prozent zum Gesamtwert der Exporte bei, und etwa 33 Prozent des lohnabhängigen Teils der Bevölkerung sind indirekt mit ihr verbunden. … Die Exporte in den Jahren 1911-12 beliefen sich auf … 3.022.831 Gallonen Rum… .« [6-390]
– »The sugar industry is the most important in British Guiana. It contributes 75 per cent, of the total value of the exports and about 33 per cent, of the wage-earning portion of the population are indirectly associated with it. … The exports in 1911-12 were … 3,022,831 gallons of rum … .« [6-390]
»Britisch-Guayana ist der größte Exporteur von Rum auf den Westindischen Inseln. Der Großteil wird nach Großbritannien verschifft.« [6-391]
– »British Guiana is the largest exporter of rum in the West Indies. The bulk is shipped to the United Kingdom.« [6-391]
Der Blend
Die Wichtigkeit des Blendens bestätigt eine offizielle Untersuchung über Rumverluste in Deptford aus dem Jahr 1886. Der Inspektor der Zollbehörde kommentierte: »Der bemerkenswerteste Teil des angewandten Systems besteht im Blending und im Transfer des Rums von Fass zu Fass, und ich bin der Meinung, dass es hervorragend geeignet ist, die Qualität der Spirituose zu verbessern.« [2-86]
– »The most notable part of the system pursued consists in the blending and transfer of the rum from vat to vat, and I am of the opinion that it is admirably designed to improve the quality of the liquor.« [2-86]
Auch die Farbe des Rums war wichtig, wenn auch weniger wichtig als das Aroma. Dunkler Rum wurde bevorzugt, und so wurde Rum vor der Auslieferung an die Schiffe ganz offiziell dunkel gefärbt, mit »Karamell oder dunklem Zucker«, gemeint ist wohl Zuckerkulör. [2-86]
Im Jahr 1866 wurde festgelegt, dass der ausgegebene Rum eine Alkoholstärke von ›4,5 under proof‹ haben muss. Der ausgegebene Rum stammte von den Westindischen Inseln. Der größte Teil war Demerara-Rum aus der damals British Guinea genannten Kolonie. Hinzu kam Rum aus Trinidad, um ihn leichter zu machen, und ein kleiner Anteil aus Barbados, Kuba, Martinique – wir sehen also, dass nicht ausschließlich Rum aus britischen Kolonien verwendet wurde – und anderen Ländern. Er wurde anhand von Proben aus den Docks gekauft und dann nach erfolgreicher Prüfung nach Deptford gebracht. Dort wurde er in Fässern mit einem Volumen von 4.000 bis 32.000 Gallonen gelagert. Proben der verschiedenen Mischungen wurden aufbewahrt. Wenn es Beschwerden oder größere Veränderungen im Angebot gab, griff man darauf zurück und berief Verkostungsausschüsse ein. Damals war das Verfahren des Blendens bereits so ausgereift und wurde so wissenschaftlich angegangen, dass die Kosten des Blends durch die Verwendung billigerer Rumsorten in den Mischungen gesenkt werden konnten, ohne dass es zu Geschmackseinbußen kam, denn der Blend sollte immer gleich schmecken. [2-94]
1918-1970
Katastrophen in Deptford
Im 20. Jahrhundert wurde das Lager Deptford zweimal von einem Unglück heimgesucht. Im Jahr 1927 überflutete die Themse die Rumkeller und zerstörte den gesamten Bestand. Im Jahr 1941 wurde das Lager in Deptford Opfer des Blitzkrieges, und mehr als eine viertel Million Gallonen Rum wurden vernichtet. [2-106] Dennoch war man in der Lage, die Versorgung mir Rum aufrecht zu erhalten.
Erhöhter Bedarf zu Kriegszeiten
Während der beiden Weltkriege waren viele Seeleute im Einsatz und es gab große Probleme bei der Versorgung der Schiffe und der überseeischen Stützpunkte mit Rum. Zudem verdreifachte sich der Bedarf gegenüber Friedenszeiten. Aber man meisterte die Herausforderungen. [2-106]
Der Zweite Weltkrieg brachte besondere Probleme mit sich, denn von Jahr zu Jahr wurde es schwieriger, Rum von den West Indies zu beziehen. Jährlich wurden eine Million Gallonen Rum benötigt. Im Jahr 1943 erwog die Admiralität schließlich, die Rumration abzuschaffen. Um die Moral der Seeleute aufrecht zu erhalten, wollte man dies vermeiden, und man fand eine andere Lösung. Das Schatzamt hatte Gelder bewilligt, teuren und unreifen Rum aus Kuba und Martinique zu kaufen. Das war nicht gerne gesehen, denn der Rum stammte somit aus Ländern, die nicht dem Commonwealth angehörten. [2-106] [2-107]
Im südostasiatischen und fernöstlichen Gewässern wurden die Schiffe mit Rum aus Natal beliefert. Dieser war jedoch nicht geblendet und äußerst unbeliebt. Dieser Rum stammte von der Brennerei ›National Chemical Syndicate‹, die die Admiralität bis 1961 belieferte. Üblicherweise reifte er in Großbrittanien fünf Jahre lang im Fass. [2-107] Wie wir sehen, wurde in jenen Jahren offenbar auch ein Natal-Rum in den Blend gemischt.
Der nächste Beitrag dieser Serie wird sich mit dem Blend des British Navy Rums beschäftigen.
Quellen
- Tristan Stephenson: The curious bartender’s guide to rum. E-ISBN 978-1-78879-303-2. 2020.
- https://archive.org/details/nelsonsbloodstor0000pack/page/128/mode/2up A. J. Pack: Nelson’s blood – the story of naval rum. ISBN 0-87021-944-8. Reprint October 1983.
- https://archive.org/details/rummanual0000broo/page/14/mode/2up Dave Broom: Rum. The Manual. ISBN 978-1-84533-962-3. 2016.
- https://de.wikipedia.org/wiki/Black_Tot_Day Black Tot Day.
- https://de.wikipedia.org/wiki/Victoria_(Vereinigtes_K%C3%B6nigreich) Victoria (Vereinigtes Königreich).
- https://archive.org/details/cu31924087992719/page/384/mode/2up?q=rum A. J. Herbertson & O. J. R. Howarth (Hrsg.): The Oxford survey of the British Empire. America. Oxford, 1914.
- https://archive.org/details/cu31924021048750/page/n183/mode/2up?q=rum Edward John Payne: Colonies and colonial federations. London, 1904.
- Titelbild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_Royal_Navy_during_the_Second_World_War_A103.jpg The Royal Navy during the Second World War.
explicit capitulum
*
1824-1850
Organisatorische Änderungen
Die Bedeutung von Rum innerhalb der Flotte zeigt sich auch daran, dass 1831 Rum sich endgültig als Teil der täglichen Ration etablierte; denn die allgemeine Ausgabe von Bier an die Flotte wurde in diesem Jahr eingestellt. [2-71]
Im Jahr 1832 erhielt die Admiralität durch weitreichende Reformen eine direktere Kontrolle über zivile Abteilungen, darunter auch die für Proviant zuständigen. Ab diesem Zeitpunkt waren die Verpflegungs-Kommissare nicht mehr autonom, sondern einem Seelord mit dem neuen Titel ›Controller of Victualling‹, ›Kontrolleur der Verpflegung‹ unterstellt. Dadurch lag die Qualitätskontrolle aller Bedarfe der Seeleute in einer Hand. Es war seine Aufgabe – und von niemandem sonst – sicherzustellen, dass der Geschmack, die Farbe und andere Eigenschaften des Rums dem entsprachen, was die Seeleute haben wollten. [2-43]
Queen Victoria war von 1837 bis 1901 Königin des vereinigten Königreichs. [5] Ungefähr zeitgleich mit ihrer Thronbesteigung begann auch die Herrschaft des Rums. Bis 1837 war das System für Entgegennahme, Lagerung und Ausgabe von Rum weitaus besser organisiert als zuvor. Rum wurde de facto als Teil der täglichen Ration anerkannt. Das bedeutete, dass die Schiffsbesatzungen das Recht darauf hatten und nur selten auf Ersatzprodukte zurückgriffen. [2-73] Rum wurde nun von allen Schiffen bei ihrer Abfahrt an Bord genommen. Dadurch wurde Brandy verdrängt, und auch von Arrak war kaum noch die Rede. [2-74]
1850-1918
Verbot der Getreide-Destillation
William Beckford war Parlamentsabgeordnete und Oberbürgermeister von London, und stammte aus einer mächtigen jamaikanischen Familie von Zuckerrohrpflanzern. In den 1850er Jahren waren die Getreideernten schlecht, und zusammen mit der Zuckerlobby setzte er ein Gesetz durch das die Destillation von Getreide verbot. Das eröffnete dem Rum zusätzliche Konsumenten. [3-16] [3-17]
Qualitätsverbesserung beim Rum
1850 empfahl ein von der Admiralität geschaffenes Komitee die vollständige Abschaffung der täglichen Rum-Ration. Diesem Vorschlag folgte man nicht; stattdessen wurde die Ration halbiert und nur noch einmal täglich ausgeteilt. [4] Diese drastische Reduzierung der Menge verstärkte die Notwendigkeit, Quantität durch Qualität zu ersetzen. Deshalb bestand die Aufgabe des Verpflegungsamtes darin, dies zu gewährleisten. Der Geschmack war wichtig, aber auch das Bouquet wurde immer wichtiger. Das Blenden des Rums wurde so immer wichtiger, und schließlich gab es einen etablierten Blend. Er bestand aus Demerara- und Trinidad-Rum, zusammen mit einem kleinen Anteil anderer Rumsorten. Die genaue Rezeptur war immer ein wohl gehütetes Geheimnis. Es gibt nur wenige Hinweise darauf. [2-85]
Zusammensetzung des Navy-Blends
In Deptford wurden die Fässer des Blends nie vollständig geleert, so dass eine gewisse geschmackliche Kontinuität gewahrt werden konnte, ähnlich wie in einer Solera. [1] Allerdings hat sich der in Deptford auf diese Weise hergestellte Blend im Laufe der Zeit verändert. [3-16]
Ursprünglich stammte der Rum hauptsächlich wohl aus Jamaika oder Barbados. Im 19. Jahrhundert überwog Rum aus Demerara, vermischt mit leichteren Rumsorten aus Trinidad und Barbados. [3-16] Zunächst stammte der größte Teil des Rums in Großbritannien aus Jamaika, den Barbados handelte hauptsächlich mit den amerikanischen Kolonien. Ab den 1740er Jahren kamen dann andere Zuckerkolonien hinzu. So gab es 1744 in British-Guyana (auch Demerara genannt) bereits sieben Plantagen. Im Jahr 1769 waren es bereits 56. [3-17] Am Ende des 18. Jahrhunderts erwirtschafteten die jamaikanischen Zuckerplantagen pro Jahr 15 Millionen Pfund, das war fünfmal mehr als jede andere Kolonie. [3-17] Im ersten Kapitel habe ich anhand der Statistiken gezeigt, wie sich im Laufe der Zeit Mengen und Herkunft des importierten Rums veränderten.
Jamaika-Rum
An dieser Stelle sei dies angemerkt: Jamaika-Rum war anfänglich wohl nicht das, was wir heute darunter verstehen. Im 19. Jahrhundert kam zu Absatz-Einbrüchen in der Zuckerindustrie, und die Pflanzer mussten entscheiden, ob sie weiterhin bei Zucker bleiben oder auf Rum umsteigen wollten. Dadurch waren andere Rohstoffe bei der Rumproduktion vorhanden. Zusätzlich wurden andere Destillationsmethoden verfügbar. Die neuen, leichteren Rumsorten galten als hochwertiger und erzielten höhere Preise. Charles Tovey zufolge hatte die Destillation in Demerara „einen hohen Grad an Perfektion erreicht, so dass er auf dem amerikanischen Markt so geschätzt wird wie Jamaika auf dem englischen Markt“. Jamaikanischer Rum mit seinen Pot-Still-Brennereien geriet unter Druck. Für Jamaika bedeutete dies, dass sie eine Antwort darauf finden mussten, was sie von den anderen Rumtypen unterschied. [3-22] [3-23] [3-24] Und Jamaika war mit seiner Strategie erfolgreich. 1904 heißt es: »In den West Indies wird ein großer Teil der Zuckerrohrproduktion in Form von Rum und Melasse exportiert. In Jamaika hat sich das Zuckerrohr vor allem wegen der hervorragenden Qualität und des guten Rufs des auf bestimmten Zuckerplantagen hergestellten Rums erhalten.« [7-151]
– »In the West Indies a large proportion of the produce of the cane is exported in the form of rum and molasses: in Jamaica the cane has held its ground largely in consequence of the excellence and reputation of the rum produced on certain sugar estates.« [7-151]
1914 lesen wir dementsprechend: »Der Herstellung von Jamaika-Rum wird große Aufmerksamkeit geschenkt. Die durchschnittliche jährliche Ausfuhr beträgt 1.300.000 Gallonen. Fast der gesamte Rum wird nach dem Vereinigten Königreich exportiert.« [6-390]
– »The manufacture of Jamaica rum receives a large share of attention. The average annual export is 1,300,000 gallons. Nearly all the rum is exported to the United Kingdom.« [6-390]
Guyana-Rum
Die Bedeutung von Rum aus British-Guayana, auch als Demerara bekannt, wuchs dank der zahlreichen aus China und Indien stammenden Arbeiter, die dort verfügbar waren. Rund 300 Brennereien, jede mit einer eigenen Destillerie, sorgten im Jahr 1849 dafür, dass fast die Hälfte des nach Großbritannien eingeführten Rums ein Demerara-Rum war. [3-26] Das ist ein erstaunlicher Anstieg, denn erst 1815 ließen sich Josias und George Booker dort nieder und begannen 1835 mit dem Versand und Zucker nach Liverpool und änderten so das Gesicht der britischen Rum-Importe. 1866 wurden sie als »die wichtigsten Händler der Kolonie« bezeichnet. So wurde Liverpool schnell zur wichtigsten Rum-Stadt, denn sie hatte im 18. Jahrhundert ihre Docks ausgebaut und hielt die Liegegebühren niedriger als London. British-Guyana wurde aufgrund der gelieferten Volumen und seiner vielfältigen Marken für die Blends immer wichtiger, und so enthielt der Navy Blend gegen Ende des 19. Jahrhunderts überhaupt keinen jamaikanischen Rum mehr, sondern überwiegend Demerara-Rum. [3-26] [3-27]
Guyana war ein wichtiger Exporteur von Rum: »Die Zuckerindustrie ist die wichtigste in Britisch-Guayana. Sie trägt 75 Prozent zum Gesamtwert der Exporte bei, und etwa 33 Prozent des lohnabhängigen Teils der Bevölkerung sind indirekt mit ihr verbunden. … Die Exporte in den Jahren 1911-12 beliefen sich auf … 3.022.831 Gallonen Rum… .« [6-390]
– »The sugar industry is the most important in British Guiana. It contributes 75 per cent, of the total value of the exports and about 33 per cent, of the wage-earning portion of the population are indirectly associated with it. … The exports in 1911-12 were … 3,022,831 gallons of rum … .« [6-390]
»Britisch-Guayana ist der größte Exporteur von Rum auf den Westindischen Inseln. Der Großteil wird nach Großbritannien verschifft.« [6-391]
– »British Guiana is the largest exporter of rum in the West Indies. The bulk is shipped to the United Kingdom.« [6-391]
Der Blend
Die Wichtigkeit des Blendens bestätigt eine offizielle Untersuchung über Rumverluste in Deptford aus dem Jahr 1886. Der Inspektor der Zollbehörde kommentierte: »Der bemerkenswerteste Teil des angewandten Systems besteht im Blending und im Transfer des Rums von Fass zu Fass, und ich bin der Meinung, dass es hervorragend geeignet ist, die Qualität der Spirituose zu verbessern.« [2-86]
– »The most notable part of the system pursued consists in the blending and transfer of the rum from vat to vat, and I am of the opinion that it is admirably designed to improve the quality of the liquor.« [2-86]
Auch die Farbe des Rums war wichtig, wenn auch weniger wichtig als das Aroma. Dunkler Rum wurde bevorzugt, und so wurde Rum vor der Auslieferung an die Schiffe ganz offiziell dunkel gefärbt, mit »Karamell oder dunklem Zucker«, gemeint ist wohl Zuckerkulör. [2-86]
Im Jahr 1866 wurde festgelegt, dass der ausgegebene Rum eine Alkoholstärke von ›4,5 under proof‹ haben muss. Der ausgegebene Rum stammte von den Westindischen Inseln. Der größte Teil war Demerara-Rum aus der damals British Guinea genannten Kolonie. Hinzu kam Rum aus Trinidad, um ihn leichter zu machen, und ein kleiner Anteil aus Barbados, Kuba, Martinique – wir sehen also, dass nicht ausschließlich Rum aus britischen Kolonien verwendet wurde – und anderen Ländern. Er wurde anhand von Proben aus den Docks gekauft und dann nach erfolgreicher Prüfung nach Deptford gebracht. Dort wurde er in Fässern mit einem Volumen von 4.000 bis 32.000 Gallonen gelagert. Proben der verschiedenen Mischungen wurden aufbewahrt. Wenn es Beschwerden oder größere Veränderungen im Angebot gab, griff man darauf zurück und berief Verkostungsausschüsse ein. Damals war das Verfahren des Blendens bereits so ausgereift und wurde so wissenschaftlich angegangen, dass die Kosten des Blends durch die Verwendung billigerer Rumsorten in den Mischungen gesenkt werden konnten, ohne dass es zu Geschmackseinbußen kam, denn der Blend sollte immer gleich schmecken. [2-94]
1918-1970
Katastrophen in Deptford
Im 20. Jahrhundert wurde das Lager Deptford zweimal von einem Unglück heimgesucht. Im Jahr 1927 überflutete die Themse die Rumkeller und zerstörte den gesamten Bestand. Im Jahr 1941 wurde das Lager in Deptford Opfer des Blitzkrieges, und mehr als eine viertel Million Gallonen Rum wurden vernichtet. [2-106] Dennoch war man in der Lage, die Versorgung mir Rum aufrecht zu erhalten.
Erhöhter Bedarf zu Kriegszeiten
Während der beiden Weltkriege waren viele Seeleute im Einsatz und es gab große Probleme bei der Versorgung der Schiffe und der überseeischen Stützpunkte mit Rum. Zudem verdreifachte sich der Bedarf gegenüber Friedenszeiten. Aber man meisterte die Herausforderungen. [2-106]
Der Zweite Weltkrieg brachte besondere Probleme mit sich, denn von Jahr zu Jahr wurde es schwieriger, Rum von den West Indies zu beziehen. Jährlich wurden eine Million Gallonen Rum benötigt. Im Jahr 1943 erwog die Admiralität schließlich, die Rumration abzuschaffen. Um die Moral der Seeleute aufrecht zu erhalten, wollte man dies vermeiden, und man fand eine andere Lösung. Das Schatzamt hatte Gelder bewilligt, teuren und unreifen Rum aus Kuba und Martinique zu kaufen. Das war nicht gerne gesehen, denn der Rum stammte somit aus Ländern, die nicht dem Commonwealth angehörten. [2-106] [2-107]
Im südostasiatischen und fernöstlichen Gewässern wurden die Schiffe mit Rum aus Natal beliefert. Dieser war jedoch nicht geblendet und äußerst unbeliebt. Dieser Rum stammte von der Brennerei ›National Chemical Syndicate‹, die die Admiralität bis 1961 belieferte. Üblicherweise reifte er in Großbrittanien fünf Jahre lang im Fass. [2-107] Wie wir sehen, wurde in jenen Jahren offenbar auch ein Natal-Rum in den Blend gemischt.
Der nächste Beitrag dieser Serie wird sich mit dem Blend des British Navy Rums beschäftigen.
Quellen
explicit capitulum
*