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British Navy Rum, Teil 4: Der Blend

Navy Rum 4.

Zum Abschluss dieser Serie beschäftigen wir uns mit der Frage, wie der British Navy Blend zuletzt zubereitet wurde und welche Eigenscaften er besaß.

Der richtige Blend?

Ein wichtiger Bericht stammt von P. Curtis, einem ehemaligen Ersten Unteroffizier. Er belegt, wie wichtig der richtige Blend für den Navy Rum war. Er erinnert sich: »Eine Invasion während des Krieges 1939-45, über die nie ausreichend berichtet wurde, war die Invasion von ›ausländischem‹ Rum aus Ländern wie Australien und Südafrika. Diese ausländischen Sorten wurden von den älteren Mitgliedern der Schiffsbesatzung abgelehnt. Als leidenschaftlicher Rumtrinker und in meiner Eigenschaft als ›Chief Pusser‹ tat ich mein Bestes, um meine Schiffskameraden zufrieden zu stellen, indem ich Pukka und ausländische Sorten mischte, aber nichts kam an den ursprünglichen Pusser’s heran, an den wir gewöhnt waren. Nach dem Krieg verfügten wir immer noch über große Bestände der ausländischen Blends, insbesondere in Singapur, wo ich mich zufällig aufhielt, und so beschlossen Ihre Lordschaften in ihrer unendlichen Weisheit, dass der beaufsichtigende Proviantlager-Offizier die genaue Rum-Mischung ermitteln sollte, die für die Nachkriegsmarine am besten geeignet war. Auf der HMS Terror, dem Landstützpunkt in Singapur, waren nicht weniger als sechs Chief Pussers gleichzeitig im Dienst. Der oberste Lagerverwalter (SVSO = Superintending Victuallying Store Officer) hatte einen Geistesblitz – wer könnte besser als diese sechs ein unparteiisches, aber ausgewogenes Urteil abgeben? Also versammelten wir uns zu sechst in seinem Büro, ausgestattet mit einem großen Tisch, Stühlen, Rumproben von überall her, mit Käse, Butter, trockenen Biscuits usw., um den Gaumen nach jedem Schluck zu reinigen. Normalerweise werden Weine nach vier Kriterien beurteilt: Farbe, Geruch oder Nase, Geschmack und Nachgeschmack. Rum ist anders! Wie alle alten Hasen wissen, besteht die einzige Art, einen Rum zu trinken, darin, ihn ganz zu schlucken, eine Grimasse zu schneiden und sich dann hinzusetzen, um das Glühen zu genießen, das sich im Magen ausbreitet und dieses wunderbare Gefühl von Frieden und allgemeiner Bonhomie hervorruft. Das Verkostungskomitee machte sich an die Arbeit – wahrscheinlich die angenehmsten zwei Stunden, die man sich vorstellen kann! Nach einer kurzen Erholungspause setzten wir uns an diesem Abend pflichtbewusst zusammen und trugen unsere Meinungen zusammen. Das Ergebnis war, soweit ich mich erinnere, zu fünfundfünfzig Prozent Demerara, zu dreißig Prozent Trinidad, und der Rest war Rum aus Natal und Mauritius. Meine Erinnerung an diesen Blend ist ungetrübt.« [2-85] [2-86]

– »Here is a story of recent times by Mr P. Curtis, formerly a chief petty officer, to show just how important blending and taste have always been: ‚One invasion during the 1939-45 war which has never been sufficiently reported was the invasion of „foreign“ rums from such places as Australia and South Africa. These foreign varieties were rejected by the older members of the ship’s company. As a dedicated tot drinker, and in my capacity as „chief pusser“, I did my best to satisfy my shipmates, by mixing pukka and foreign, but nothing compared with the original pusser’s to which we were accustomed. After the war, we still held large stocks of the foreign blends, particularly at Singapure where I happened to be, and so Their Lordships, in their infinite wisdom, decided that the superintending victualling store officer should ascertain the exact blend of rum most acceptable to the post-war navy. In HMS Terror, the shore base in Singapore, there were no less than six chief pussers serving at the same time. The SVSO had a brainwave – who better than those six to give an impartial but balanced judgement? Consequently the six of us mustered in his office, furnished with a large table, chairs, samples of rum from everywhere, with cheese, butter, dry biscuits, etc, for cleaning the palate after each sip. The normal method of judging wine is fourfold – the colour, the aroma or nose, the taste, and the aftertaste. Rum is different! As all old timers will know, the only way to drink a tot is to swallow it whole, grimace, and then sit down to appreciate the glow which spreads from the stomach and engenders that wonderful feeling of peace and general bonhomie. The tasting committee proceded with its task – probably the most enjoyable two hours that anyone could device! After a short period for recovery, we dutifully sat down that evening and with a due sense of dedication collated our views. The outcome, as I remember it, was fifty-five percent Demerara, thirty percent Trinidad, with the remainder being rum from Natal and Mauritius. My memory of that blend remains undimmed.« [2-85] [2-86]

Rezeptur

Man muss feststellen, dass der Navy-Rum ein komplizierter Blend war, den man ohne die Formel, die sich im Besitz der Admiralität befand, nur schwer kopieren konnte. Die letzten Bestände des Navy-Rums wurden nach 1970 veräußert, und es schien, als sei der British Navy Rum mit seinem Alkoholgehalt von ›95,5 proof‹ für immer verschwunden. [2-126]

Man sagt, er habe ein Aroma und eine Weichheit besessen, die von keinem anderen Rum übertroffen worden sei. [2-126]

Warum findet man keinen Navy Rum in den alten Rezeptbüchern? Ganz einfach – er war nicht zu kaufen und war den britischen Seeleuten vorbehalten.

Mitch Wilson scheint es auf den Punkt zu bringen: »Die Rezeptur für Navy-Rum änderte sich im Laufe der Jahre und hing ganz von den Vorräten ab, die der Admiralität zu der jeweiligen Zeit zur Verfügung standen. In den Anfangsjahren tranken die Schiffsbesatzungen wohl einfach das, was in den verschiedenen Häfen, die sie anliefen, aufzutreiben war. Ab den frühen 1800er Jahren wurde dann in den West India Docks ein spezielles System aus hölzernen Mischfässern errichtet, um den Navy-Blend herzustellen. Während englische Kolonien wie Barbados, Guyana, Jamaika und Trinidad einen Großteil des Rums für die Marine lieferten, wurden in Zeiten der Knappheit Rumsorten aus der Karibik und der ganzen Welt hinzugefügt, darunter aus Martinique, Kuba, Mauritius und sogar aus dem fernen Australien. Der Rum wurde nach London gebracht und in riesigen Holzfässern gemischt, um einen der weltweit größten und am längsten bestehenden Rum-Blends zu schaffen, wobei in der Blütezeit bis zu vier Millionen Gallonen geblendet wurden. Die Royal Navy war, vielleicht unbeabsichtigt, zu einem der Pioniere des Rum-Blendens geworden.« [6]

– »The recipe for Navy Rum changed over the years, and was dependent entirely on the stocks available to the Admiralty at the time. In the early years, ships would have drunk whatever they could pick up from the various ports they visited. Then from the early 1800s, a dedicated 32-wooden blending vat system was constructed in the West India Docks to make the Navy blend. While the English colonies such as Barbados, Guyana, Jamaica and Trinidad provided much of the rum for the Navy, during shortages rums from the Caribbean and around world would have been incorporated including Martinique, Cuba, Mauritius, and even as far as Australia. The rum was brought to London and mixed together in huge wooden vats to create one of the world’s largest and longest running rum blends, with up to four million gallons being blended at its peak. The Royal Navy, perhaps unintentionally, had become one of the pioneers of rum blending.« [6]

Eine Quelle berichtet: »Die Marine kaufte Rum vor allem in englischen Häfen – Barbados, Jamaika, Guyana und später Trinidad. Sie kaufte jedoch auch Rum aus anderen Ländern, wenn die Vorräte dies erforderten. Der ursprüngliche Navy-Rum ist eine kontinuierliche ›Weltmischung‹ aus fast allen verfügbaren Rumsorten – es gibt kein festes Rezept.« [5] Was daran stimmt bzw. wichtig ist: Man kaufte von britischen Kolonien. Und es gab einen Geschmack im Blend zu erzielen. Insofern war es unerheblich, woher genau der Rum kam, die Mischung musste nur immer gleich schmecken.

Eine Statistik über die nach Großbritannien importierten Spirituosen aus dem Jahr 1855 zeigt, welcher Rum an die Navy geliefert wurde: 979.358 Proof Gallons aus West India und Mauritius (88,67 %), 29.276 Proof Gallons aus East India (2,65 %) und 95.889 Proof Gallons (8,68 %)»foreign and british«. Das mag uns einen Hinweis geben, wie der Navy Blend damals zusammengesetzt war. [1-153]

1876 erschien ein Buch, das uns wichtige Hinweise auf den Navy Rum gibt: »Schönung, Süßung und Färbung von ausländischen Weinen und Spirituosen unter Zollverschluss. … Spirituosen – B.O. 16. März 60. Ausländischen Spirituosen für den heimischen Verbrauch darf weder Schönung noch Färbung zugesetzt werden. B.O. 26 November 62, B.O. 2 Juli 62. Das Board hat mit Sondergenehmigung in jedem Fall den Zusatz von zwei Gallonen süßer Schönung zu jedem Puncheon Rum, nur für den Export, erlaubt. B.O. April, 64. Spirituosen dürfen nur für die Ausfuhr oder für die Abfüllung in Flaschen unter Zollverschluss mit einem Prozent süßer Schönung versehen werden, doch muss in jedem Fall ein Antrag auf Genehmigung beim Board gestellt werden. B.O. Dezember 55. Ausländische Spirituosen dürfen nicht unter Zollverschluss zusammengesetzt (›compounded‹) werden. B.O. September 65. Spirituosen in Behältnissen dürfen nur für die Ausfuhr gefärbt werden, und zwar in dem Maße, wie es der Händler wünscht; Farbstoffe dürfen auch Spirituosen in Fässern zugesetzt werden, jedoch erst zum Zeitpunkt der Verschiffung. Rum für die Ausfuhr darf mit besonderer Erlaubnis des Board durch den Zusatz von Ananas-Saft aromatisiert werden. In den West India Docks, London, wurde eine Presse für dieses Verfahren errichtet. Der Saft wird zunächst durch Druck aus den geschnittenen Früchten gewonnen, und das Fruchtfleisch wird, nachdem es zwei oder drei Wochen in Rum eingelegt wurde, erneut gepresst und anschließend in Anwesenheit der zuständigen Beamten vernichtet. Durch diese Aromatisierung wird der vom Aräometer angezeigte Alkoholgehalt erheblich verfälscht, so dass immer ein erheblicher offensichtlicher Verlust bei der Proof-Menge zu verzeichnen ist.« [4-191] [4-192] [4-193]

George Davis Ham - Ham's revenue and mercantile vade-mecum. 1876, Seite 191-193.
George Davis Ham – Ham’s revenue and mercantile vade-mecum. 1876, Seite 191-193. [4-191] [4-192] [4-193]

– »Fining, Sweetening and Coloring Foreign Wines and Spirits in Bond. … Spirits.— B.O. 16 March, 60. Neither fining nor coloring may be added to foreign spirits for home consumption. B.O. 26 Nov 62, B.O. 2 July 62. The Board by special permission in each case, have allowed the addition of two gallons of sweet fining to each puncheon of rum, for exportation only. B.O. April, 64. Spirits may have sweet finings added to the extent of one per cent, for exportation only, or for bottling in bond, but application must be made to the Board in each instance for their sanction. B.O. Dec 55. Foreign spirits may not be compounded in bond. B.O. Sept 65. Spirits in a vat may be colored for exportation only, to any extent that the merchant may desire; coloring matter may also be added to spirits in casks, but it must be at the time of shipment. Rum, for exportation, may, by special permission of the Board, be flavored in bond by the addition of pine apple juice. In the West India Docks, London, a press has been erected in bond for the process. The juice is in the first instance extracted from the sliced fruit by pressure, and the pulp, after it has been steeped in rum for two or three weeks, is again pressed, and subsequently destroyed in the presence of the proper officers. This flavouring considerably disguises the strength, as indicated by the hydrometer, and consequently there is always a considerable apparent loss in the proof quantity.« [4-191] [4-192] [4-193]

1874 wurde auch Zitronenschale zur Aromatisierung erlaubt: »Rum aromatisieren. – 74. Es wurde die Erlaubnis erteilt, Rum für den Export zu aromatisieren, indem 100 Gallonen Rum 8 Unzen Zitronenschalen zugesetzt werden. – Siehe auch Schönung, Süßung und Färbung, S. 192.« [4-569]

George Davis Ham - Ham's revenue and mercantile vade-mecum. 1876, Seite 569.
George Davis Ham – Ham’s revenue and mercantile vade-mecum. 1876, Seite 569. [4-569]

– »Flavouring Rum. — 74. Permission has been granted to flavour rum for exportation by the addition of 8 oz. of lemon peel to 100 gallons of rum. — See also Fining, Sweetening and Coloring, p. 192.« [4-569]

Was wir dieser Quelle entnehmen können: Süßung, Schönung und Färbung durfte einem Rum nur für den Export zugefügt werden, und das auch nur mit einer Sondererlaubnis. Das bedeutet im Umkehrschluss: Da Navy-Rum keine Exportware war, durfte Navy Rum nicht geschönt, gesüßt oder gefärbt werden. [3]

Epilog

Die Bezeichnung ›Navy Rum‹ oder ›Naval Rum‹ ist eine moderne. Durchsucht man die alten Quellen, findet man dazu kaum etwas. Auf den Schiffen der Navy wurde Rum ausgegeben, der in späteren Zeiten als Blend vorlag, um den Vorlieben der Seeleute zu entsprechen und gleichbleibende hohe Qualität zu bieten.

Quellen
  1. https://archive.org/details/britishalmanac1857sociuoft/page/152/mode/2up?q=%22navy+rum%22 British Almanac of the society for the diffusion of useful knowledge, for the year of our Lord 1857. London.
  2. https://archive.org/details/nelsonsbloodstor0000pack/page/128/mode/2up?q=%22british+naval+rum%22 A. J. Pack: Nelson’s blood. The story of naval rum. ISBN 0-87021-944-8. Naval Institute Press, 1982.
  3. https://cocktailwonk.com/2019/06/curious-tale-of-a-pineapple-press-and-the-west-india-docks.html Matt Pietrek: The Curious Tale of a Pineapple Press and the West India Docks. 21. Juni 2019.
  4. https://archive.org/details/hamsrevenueandm00hamgoog George Davis Ham: Ham’s revenue and mercantile vade-mecum. London, 1876.
  5. https://web.archive.org/web/20250114000116/https://blacktot.com/the-story/1406/the-navy-rum-blend The navy rum blend.
  6. https://aspectsofhistory.com/the-royal-navy-and-its-rum-the-history-of-the-tot/ Mitch Wilson: The Royal Navy and its Rum: The History of the Tot.
  7. Titelbild: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:The_Royal_Navy_during_the_First_World_War_Q17966.jpg The Royal Navy during the First World War. Royal Marines and bluejackets being served their rum rations on board HMS Royal Oak.

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Hallo, ich bin Armin, und in meiner Freizeit als Blogger, freier Journalist und Bildungstrinker möchte ich die Barkultur fördern. Mein Schwerpunkt liegt auf der Recherche zur Geschichte der Mischgetränke. Falls ich einmal eine Dir bekannte Quelle nicht berücksichtigt habe, und Du der Meinung bist, diese müsse berücksichtigt werden, freue ich mich schon darauf, diese von Dir zu erfahren, um etwas Neues zu lernen.