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Rum und Kill-Devil – Eine neue Etymologie. Teil 3: Wann ist Rum ein Rum?

Titelbild - Rum und Kill-Devil, Teil 3.

Nachdem wir betrachtet haben, wie die bisherigen Erklärungen für die Herkunft der Bezeichnungen Kill-Devil und Rum lauten, stellen wir uns die Frage: wann ist Rum ein Rum? Ein Verständnis dafür ist wichtig, denn die Bezeichnung wird manchmal zu ungenau verwendet.

Das Problem

Bei der Recherche nach den Ursprüngen von Rum und Kill-Devil ist uns aufgefallen, dass die Abhandlungen darüber in ihrer Wortwahl oft ungenau bei der Wahl der Bezeichnung ›Rum‹ sind, denn diese Bezeichnung ist erstmals für das Jahr 1650 dokumentiert. Wie kann man dann davon sprechen, schon zuvor sei Rum produziert worden, wenn es diesen Begriff noch nicht gab? Es wäre korrekter, von einem Zuckerrohr-Destillat zu sprechen, um unnötige Verwirrung zu vermeiden. Darüber hinaus wäre auch zu klären, ab wann ein Rum auch als Rum zu bezeichnen ist. Sind Cachaςa, Clairin, aguadiente de caña – um nur ein paar Beispiele zu nennen – alle Rum? Die Antwort auf diese Frage kann nicht sein, dass ein Rum dann ein Rum ist, wenn er aus Melasse produziert wurde, denn diese Sitte kam erst viel später auf, nachdem die Bezeichnung ›Rum‹ sich schon längst etabliert hatte.

Man kann feststellen: spätestens in den 1630er und 1640er Jahren destillierte man in den spanischen, französischen, britischen und vielleicht auch portugiesischen Kolonien der Neuen Welt aus Zuckerrohr alkoholische Getränke. [4-40] Eine einheitliche Bezeichnung für diese destillierten Getränke gab es auch Jahrzehnte später noch nicht. [4-40] So verwendet Richard Ligon beispielsweise im Jahr 1657 nie den Begriff ›Rum‹, sondern spricht stattdessen von ›Kill-Devil‹. Charles de Rochefort nennt 1658 auf dem französischsprechenden St. Kitts das Zuckerrohrdestillat »eau de vie des cannes«, und unterscheidet ihn so mit dem Zusatz »des cannes« vom französischen, aus Trauben destillierten, Branntwein. [4-40]

Zuckerrohrdestillate in der Neuen Welt

Um diesen Themenkomplex ein wenig detaillierter zu erhellen, sollten wir uns mit den Anfängen der Zuckerrohrdestillation in der Neuen Welt beschäftigen.

Die Zeit vor Barbados

Es gibt Hinweise darauf, die die Erzeugung eines Rums bereits in den 1620er Jahren mit Brasilien in Verbindung bringen. Auch sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Taucher aus dem 1628 vor Stockholm gesunkenen Wrack des schwedischen Schiffes Vasa eine Flasche mit »Rum« bargen, so jedenfalls steht es in ›The SAGE Encyclopedia of Alcohol‹ [2-671] – auch dies ist ein Beispiel dafür, dass mit der Bezeichnung Rum zu leichtfertig umgegangen wird. Korrekterweise sollte man von einem Zuckerrohr-Destillat sprechen, doch auch das stimmt nicht wirklich. Da uns dieser Fund interessierte, und auch zur Klärung, ob wirklich ein »Rum« gefunden wurde, haben wir mit dem Vasa-Museum Kontakt aufgenommen. Man teilte uns mit, dass die hellgelbe Flüssigkeit in einem Zinnfläschchen gefunden wurde. Im Jahr 1962 ergab eine Analyse, dass diese Flüssigkeit im Vergleich zu modernen Spirituosen am ehesten Rum oder möglicherweise Arrak ähnele. Im Jahr 2016 wurde eine neue Analyse durchgeführt. Man vermutete danach, dass der Alkoholgehalt eher bei 10 % als bei den in der Analyse von 1962 ermittelten 33 % lag. Danach wurde durch Eurofins im Jahr 2017 eine Isotopenanalyse der C12/C13-Struktur durchgeführt, um zu klären, mit welcher Wahrscheinlichkeit Zuckerrohr der Ursprung des Alkohols sei. Die Schlussfolgerung von Eurofins war: »Nach den Ergebnissen der durchgeführten Analysen und im Vergleich mit Industriestandards, wissenschaftlicher Literatur und uns zur Verfügung stehenden Werten: Der gemessene und in diesem Analysebericht dargestellte Isotopenparameter Delta C13 (Rohprodukt/V.PDB) entspricht einem Gemisch aus C4- (wie Zuckerrohr, Mais) und C3-Pflanzen (Getreide außer Mais, Trauben usw.).« [12]

»As judged by the results of the analyses performed, and in comparison with industry standards, scientific literature and values at our disposal: The isotopic parameter Delta C13 (Raw product/V.PDB) measured and presented on this analytical report corresponds to a mixture of C4 (such as cane, maize) and C3 (cereals except maize, grape, etc.) organism plants.« [12]

Wir können daran ersehen, dass es sich nicht um ›Rum‹ oder ein reines Zuckerrohrdestillat handeln kann; das Vorhandensein von Alkohol aus C3-Pflanzen spricht dagegen.

Zuckerrohr wurde in der Neuen Welt noch früher destilliert. Dem brasilianischen Historiker Stuart Schwartz zufolge wurde in kleinen brasilianischen Zuckermühlen bereits ab 1587 so etwas wie ›Rum‹ destilliert. [4-26] Auch hier gilt unsere Kritik: Ist denn jedes Zuckerrohrdestillat automatisch ein Rum? Sidney Mintz ist sogar der Auffassung, dass Zuckerpflanzer in der spanischen Karibik bereits im frühen 16. Jahrhundert mit der Destillation von ›Rum‹ begannen. [4-26] Wo und wann das erste Mal in der Neuen Welt aus Zuckerrohr ein Destillat hergestellt wurde, läßt sich also kaum mit Bestimmtheit sagen. Sicherlich geschah es begleitend zur Zuckerproduktion; man muss aber auch bedenken, dass bei manchen Aussagen ein starker nationaler Stolz eine Rolle spielen mag. Der britische Karibik-Historiker Darnell Davis schreibt beispielsweise »Rum war den Engländern gänzlich unbekannt, bis seine Herstellung in Barbados etabliert, wenn nicht gar entdeckt wurde.« – »Rum was wholly unknown to Englishmen until its manufacture was established, if not discovered, in Barbados.« Im Gegensatz dazu meint der französische Historiker Alain Huez de Lemps, dass Martinique der Geburtsort der Rumproduktion sei. [4-26] [4-27]

Zuckerrohr erreicht Barbados und die Karibik

Niederländische Einwanderer und Pflanzer aus den Zuckerrohranbaugebieten von Pernambuco in Brasilien brachten schließlich den Barbadiern und Martiniquianern bei, wie man Zucker herstellt und brachten Zuckerrohrpflanzen, Ausrüstung und Kapital auf beide Inseln mit, [2-1076] [4-32] so berichtet es Richard Ligon im Jahr 1647: [4-32] »Als wir Anfang September 1647 auf dieser Insel landeten, wurden wir teils durch die Pflanzer, die wir dort vorfanden, und teils durch unsere eigenen Beobachtungen darüber informiert, dass die große Arbeit der Zuckerherstellung von den Einwohnern dort erst seit kurzem praktiziert wird. Einige der tüchtigsten Männer, erhielten Pflanzen von Fernambock, einem Ort in Brasilien, und probierten sie auf Barbadoes aus.« [7-85]

Richard Ligon: A trve & exact history of the island of Barbados. 1657, Seite 85.
Richard Ligon: A trve & exact history of the island of Barbados. 1657, Seite 85. [7-85]

»At the time we landed on this Island, which was in the beginning of September, 1647, we were informed, partly by those Planters we found there, and partly by our own observations, that the great work of Sugar-making, was but newly practiced by the inhabitants there. Some of the most industrious men, having gotten Plants from Fernambock [Pernambuco], a place in Brazil, and made tryal of them at the Barbadoes.« [7-85]

James Holdip und James Drax werden oft als diejenigen Pflanzer angegeben, die als erste Zuckerrohr und das Wissen, wie man daraus Zucker herstellt, aus Pernambuco nach Barbados brachten. [4-32] Auch Pietr Blower wird genannt, der 1636 Destilliergeräte aus Brasilien nach Barbados gebracht haben und als erster auf Barbados destilliert haben soll. [11] Man darf ebenso nicht außer Acht lassen, dass Pernambuco zwischen 1630 und 1654 zu Niederländisch-Brasilien gehörte und von den Niederländern kontrolliert wurde. [9] Nach dem Verlust der Kolonie aufgrund der Rückeroberung durch die Portugiesen orientierten sich die niederländischen Kolonisten mit Unterstützung der Niederländischen Westindien-Kompanie um und gründeten auf den Inseln der Kleinen Antillen Zuckerrohrplantagen und verhalfen so zu einer Ausweitung der Zuckerproduktion in britischen und französischen Kolonien. [4-32]

Pater Jean-Baptiste du Tertre, der in den 1640er und 1650er Jahren auf Martinique lebte, glaubte, die Entwicklung der Zuckerindustrie auf Martinique sei auf die Ankunft niederländischer Flüchtlinge aus Pernambuco zurückzuführen, [4-33] denn nachdem die Portugiesen Pernambuco zurückerobert hatten, legte tatsächlich ein niederländisches Schiff mit niederländischen Bürgern in Martinique an. Sie brachten Kapital mit, und das Wissen, wie man Zucker herstellte, ebenso alle Utensilien, die man für die Zuckerproduktion benötigte, und afrikanische Sklaven. [4-33]

Es mag sein, dass die Niederländer in Brasilien mit der Destillation des Zuckerrohrs experimentiert hatten und dieses Wissen mit nach Barbados und Martinique brachten, doch eindeutige Beweise gibt es für solch eine Aussage nicht. [2-1076] [4-33]

Deshalb vertreten andere Historiker wie beispielsweise John McCusker die Meinung, dass Barbadier bereits 1631 Alkohol aus Zuckerrohr herstellten. Er argumentiert damit, das Zuckerrohr bereits bei der ersten britischen Besiedelung im Jahr 1627 auf Barbados vorhanden gewesen sei und dass der Reisende Sir Henry Colt im Jahr 1631 über die Barbader schrieb, sie seien Verschlinger heißer Wässer und gute Destillateure desselben: »devouerers upp of hott waters and good distellers thereof.« [4-34] [11] Welche Pflanze dort destilliert wurde, erfahren wir leider nicht. Vielleicht war es Zuckerrohr, vielleicht aber auch nicht.

John McCusker meint sogar, dass bereits 1638 dieses Destillat nach New England exportiert wurde, und begründet dies mit einer 1674 publizierten Erinnerung an das Jahr 1638, derzufolge auf einem Schiff »kill-devil, alias Rum« getrunken wurde. [4-34] Inwieweit diese Erinnerung stimmt, und ob das Getränk bereits 1638 so bezeichnet wurde, läßt sich nicht mehr feststellen. Wir haben jedenfalls unsere Zweifel anzumelden.

Destillation des Schaumes

Richard Ligon, der von 1647 bis 1650 auf Barbados weilte und eine Zuckerplantage erwarb, [6-20] [10] ist der erste, der die frühesten spezifische Angaben über die Herstellung von Alkohol aus Zuckerrohr auf Barbados und in den britischen Kolonien macht.

Er schrieb über »das Getränk der Insel, das aus dem Schaum der Kupferkessel hergestellt wird, die den Zucker kochen, den sie kill-Divell nennen.« [7-27]

Richard Ligon: A trve & exact history of the island of Barbados. 1657, Seite 27.
Richard Ligon: A trve & exact history of the island of Barbados. 1657, Seite 27. [7-27]

»the drinke of the Iland, which is made of the skimmings of the Coppers, that boyle the Sugar, which they call kill-Divell.« [7-27]

Er schreibt, dass man zur Herstellung von Kill-Devil den Schaum verwendete, während Melasse ihm zufolge erneut gekocht wurde, um daraus minderwertigen Zucker herzustellen. [4-45] [7-91] [7-92]

Tatsächlich ist nicht klar, ob die Destillateure der Karibik Mitte des siebzehnten Jahrhunderts überhaupt Melasse verwendeten. [4-45] Auch Pater Jean-Baptiste du Tertre beschreibt in seiner zwischen 1667 und 1671 erschienenen ›Geschichte der Antillen‹, auf Martinique verwende man nur die verbrauchten und ausgelaugten Zuckerrohre und ebenso die Schäume. Die Verwendung von Melasse erwähnt er nicht. [4-45] Vielmehr schrieb er, dass Melasse gut genug geeignet sei, um als Ware in Europa zur Herstellung von Lebkuchen verwendet zu werden. [4-45] Charles de Rochefort berichtet 1658 über das französische St. Kitts ebenfalls, dass die Schäume aus dem ersten Kessel nur dafür gut seien, an das Vieh verfüttert zu werden, dass aber die Schäume der anderen Kessel zur Herstellung eines Getränks für Diener und Sklaven verwendet werden könnten. [4-45]

Auch G. Warrens berichtet in seiner 1667 erschienenen Beschreibung von Surinam: [1] »Rum ist eine Spirituose, die aus dem Saft von Zuckerrohr gewonnen wird, gewöhnlich doppelt so stark wie Brandy, in Neu-England Kill-Divel genannt, wo er zum Preis von zwölf Pfund Zucker pro Gallone verkauft wird. Melasse ist auch mit dem Zucker verwandt, sie ist das, was von ihm abfällt, während er aushärtet, und wird in England gewöhnlich als Sirup verkauft.« [8-17]

George Warren: An impartial description of Surinam. 1667, Seite 17.
George Warren: An impartial description of Surinam. 1667, Seite 17. [8-17]

– »Rum is a Spirit extracted from the Juice of Sugar-Canes, commonly, twice as strong as Brandy, call’d Kill-Divel in New-England, whither ‚tis sold, at the rate of Twelve pounds of Sugar per Gallon. Molasses relates also to Sugar, being that which drops from it, while ‚tis Cureing, and is the same commonly sold in England for treacle.« [8-17]

Auch W. Hughes bestätigt diese Aussagen. Er schreibt in einem im Jahr 1672 erschienenen Buch: »Wenn es nun sechs Kupfer gibt, so sind die ersten zwei am dünnsten und größten, in denen der Saft zuerst gekocht wird; aber nicht durch ein sehr starkes Feuer, denn das würde den Schaum aufsteigen lassen, … : Das erste, was davon entsteht, ist wenig wert; aber aus dem, was danach abgeschöpft wird, machen sie ein sehr gutes Getränk, das Locus-Ale genannt und von den Dienern viel getrunken wird; oder sie leiten es in einen Kupferkessel (wie alle anderen Abfälle und Rückstände von Zucker), um es zu destillieren und eine Art starkes Wasser zu machen, das sie Rum oder Rum-Bullion nennen, stärker als Weinbrand und nicht sehr angenehm, bis man sich daran gewöhnt hat. Dieser starke Likör wird gewöhnlich von den Pflanzern getrunken, sowohl pur als auch zu Punsch verarbeitet.« [13-33] [13-34]

W. Hughes: The American physitian. 1672, Seite 33-34.
W. Hughes: The American physitian. 1672, Seite 33-34. [13-33] [13-34]

»Now, if there be six Coppers, the first two are thinnest and biggest, in which the juyce is first boiled; but not by a very strong fire, for that will make the Scum to rise, by casting in Temper, as they call it: the first of which that ariseth is little worth; but afterwards, what is scum’d off, they make a very good drink of, called Locus-Ale, much used by the servants; or else they convey it into a Copper-Still (as they do all their other setlings and dregs of Sugar) to be distill’d, and make a sort of Strong-water they call Rum, or Rum-bullion, stronger then Spirit of Wine, and not very pleasant, until a man is used to it. This strong liquor is ordinarily drank amongst the Planters, as well alone, as made into Punch.« [13-33] [13-34]

Stanislaus von Jezewski: Der Zucker. Die Gartenlaube, 1892, Seite 463.
Stanislaus von Jezewski: Der Zucker. Die Gartenlaube, 1892, Seite 463. [14-463]

Als Erklärung dieser Textstellen möchten wir auf eine Beschreibung aus dem Jahr 1892 verweisen. Dort wird beschrieben, wie Zucker hergestellt wird: »In der Zuckersiederei, die wir unseren Lesern vorführen, giebt es fünf Kochpfannen oder Kessel, in welche der Reihe nach der Saft des Zuckerrohres gethan wird. Der erste heißt „großer Kessel“; in ihn wird der Rohsaft aus dem Bottich geschöpft und dann mit Kalk gekocht; bald beginnt die Flüssigkeit zu schäumen und der Arbeiter schöpft fleißig den Schaum ab; so kocht der Rohsaft etwa eine Stunde, worauf er in den zweiten, den „Reinigungskessel“ gebracht wird. … Jetzt ist der Saft von den gröbsten Verunreinigungen, Pflanzensäuren und Salzen, befreit und kommt in den vierten Kessel, welcher den Namen „Sirup“ führt, weil in ihm der Saft bis zur Sirupdicke eingekocht wird. Von hier wandert die dicke Flüssigkeit in den fünften Kessel, in die „Batterie“, in welcher sie solange gekocht wird, bis sie Faden zieht oder auf der Oberfläche kleine Zuckerkrystalle hervorzuschießen beginnen. Nun wird die Masse rasch in einen Kühlkessel gebracht, in dem sie sich in kurzer Zeit mit Krystallen bedeckt. Solange sie noch flüssig ist, wird sie in Formen, die mit Löchern versehen sind, gegossen; in diesen krystallisiert der Zucker aus, das überschüssige Wasser aber, ferner die im Safte noch vorhandenen Salze und ein Theil des Zuckers, der nicht auskrystallisieren konnte, fließen als Melasse ab.« [14-463]

Melasse

Die überlieferten Beschreibungen sind sich einig: Anfänglich wurde Kill-Devil und Rum aus Zuckerrohrsaft oder dem Schaum, der bei der Herstellung von Zucker entsteht, hergestellt, nicht jedoch aus Melasse. Dies bestätigen Richard Ligon 1657, [7-27] George Warren 1667 [8-17] und ein Brief von 1651. [5-78]

Melasse wurde zunächst nämlich nicht in der Alkoholproduktion verwendet. Sie war einfach nur Abfall. Sie ist das, was nach der Zuckerproduktion und nach dem Einkochen übrig bleibt. [6-24]

Für die Rumherstellung scheint Melasse erst später im 17. Jahrhundert verwendet worden zu sein, oder man setzte sie dafür zumindest kaum ein. Stattdessen wurde sie entweder verkauft oder man stellte aus ihr minderwertigeren Zucker her. [4-45]

Deshalb hatte man in jener Zeit ein Problem. Es gab zu viel Melasse, als dass man alles davon hätte verkaufen können, zumal es auch keine Nachfrage danach gab. So machte auf Barbados der Verkauf von Melasse im Jahr 1665 weniger als ein Prozent der barbadischen Exporte aus. Zwar verfütterte man Melasse an das Vieh und gab sie auch den Sklaven als Nahrung, oder man stellte durch die Zugabe von Wasser, Pferdehaar, Kalk und Eierschalen einen Mörtel daraus her. Den größten Teil der Melasse musste man jedoch wegschmeissen. Sie war Industrieabfall, den man ins Meer kippte. Ein Reisender der damaligen Zeit berichtete, dass die auf den Zuckerrohrplantagen der Westindischen Inseln anfallende Melasse nur als Dung betrachtet wurde, denn alles davon sei weggeworfen worden: »never esteemed more than Dung; for they used to throw it all away.« Man sagt, dass allein auf den französischen Inseln in den 1680er Jahren mehr als eine halbe Million Gallonen Melasse, also mehr als 2 Millionen Liter, weggeworfen wurde. [6-25] [11]

Am Anfang des 18. Jahrhunderts scheint sich das geändert zu haben, denn Hans Sloane berichtet in seinem 1707 erschienenen Buch davon, dass man auch Melasse bei der Rum-Herstellung verwende: [4-45] »Rum wird aus Zuckerrohrsaft gemacht, der nicht zur Herstellung von Zucker geeignet ist, weil er von Würmern befallen ist, wegen eines schlechten Bodens oder wegen irgendeines anderen Fehlers; oder aus dem Abschaum der Kupfer in der Erntezeit, oder aus Melasse und Wasser, das etwa vierzehn Tage lang in Zisternen fermentiert wird, … .« [15-xxx]

Hans Sloane: A voyage to the islands Madera, Barbados, Nieves, S. Christophers and Jamaica. 1707, Seite xxx.
Hans Sloane: A voyage to the islands Madera, Barbados, Nieves, S. Christophers and Jamaica. 1707, Seite xxx. [15-xxx]

– »Rum is made of Cane-juice not fit to make Sugar, being eaten with Worms in a bad Soil, or through any other fault; or of the Skummings of the Coppers in Crop time, or of Molossus and water fermented about fourceen days in Cifterns, … .« [15-xxx]

Auch der Franzose Jean-Baptiste Labat berichtet im Jahr 1724 von der Verwendung von Melasse zur Rum-Herstellung. [4-45]

Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang ein Bericht aus dem Jahr 1737. Darin erfahren wir nämlich, dass man Rum auch in jener Zeit nicht unbedingt nur mit Melasse hergestellt hat und man deren Verwendung auch kritisch sah. Es geht darum, dass ein gewisser Mr. Moe aus Barbados kurz zuvor die Art des Destillierens entscheidend verbessert habe und so doppelt so viel Rum wie üblich herstellen könne. Diese Aussage rief einen kenntnisreichen Kritiker aus Antigua auf den Plan, der in seinem Leserbrief sinngemäß erwiderte, dass man auf eine derartige Rum-Ausbeute nur kommen könne, wenn man außer Melasse auch Schaum und andere Abfälle der Zuckerherstellung verwendet, und gleichzeitig die Zuckerausbeute reduziere: »Denn zu sagen, dass er diese oder jene Menge Rum mit Hilfe von Schäumen herstellen kann, oder wie auch immer er dies nennen möchte, bedeutet, überhaupt nichts zu sagen; denn mit Hilfe von Schäumen und anderen Abfällen der Arbeit kann er genau die Menge herstellen, die ihm gefällt, mit oder ohne Melasse; in diesem Fall gilt: je mehr Rum, desto weniger Zucker. … Der Leser wird leicht feststellen, dass ich davon spreche, Rum nur aus Melasse herzustellen, ohne andere Abfälle der Arbeit. … Imitieren diese Destillateure nicht jene Adepten der Chemie, die die Welt zur Jagd auf den Stein der Weisen führen, zum völligen Ruin vieler Männer und ihrer Familien? Laßt tausend Gallonen Melasse an einen dieser großen Destillateure liefern, die Wunder vollbringen, und laßt ihm diese Menge nach der Ernte zukommen, damit er keine Gelegenheit hat, auf irgendeine Weise an den Abschaum zu kommen, und dann seht, wieviel Rum er machen wird, neun Grad über Proof. [Anmerkung: das sind 54,5 vol.% Alkohol [4-102]] … Denn der Aufseher, der das Geschäft einzig und allein aufgrund des Glaubens oder des Versprechens erhält, ein Geschäft mit Rum zu machen, wird es sicher tun, auch wenn er dafür weniger Zucker macht. Beachten Sie, er hat sich nicht verpflichtet, irgendeine Menge Zucker herzustellen; der Rum ist alles; das ist seine Ehrensache; er steigt oder fällt dadurch. … ein Pflanzer kann seine gesamte Ernte in Rum umwandeln, wenn er darin einen Vorteil findet, und in einigen Fällen, in einigen Jahren, mag es vielleicht etwas taugen; aber wenn er Grund zu der Annahme hat, dass es für ihn im allgemeinen gewinnbringender wäre, wenn er alles, wenn möglich, in Zucker als in Rum umwandeln würde; dann wäre es sicherlich gutes Management und, wie ich sagen darf, auch Ökonomie, die Hand seines Aufsehers daran zu hindern, einen Großteil seiner Flüssigkeit und seines Sirups unter der Bezeichnung „Abschaum“ in Rum umzuwandeln. … Man darf nicht vergessen, dass die exzessiven Rummengen, die in Barbados und Antigua hergestellt werden,  mehr als in St. Chriftophers, einzig und allein auf den reichlichen Ausfluß der Melasse von ihrem Zucker und den Strom heißen Schaums zurückzuführen sind, der in der Siedezeit ständig in in die Destillierhäuser fließt; … St. Chriftophers, 30. Juni 1737.« [3-242] [3-243] [3-244] [3-245]

Carribbeana. Vol. 2. 1741, Seite 242-245.
Carribbeana. Vol. 2. 1741, Seite 242-245. [3-242] [3-243] [3-244] [3-245]

»For to say that he can make this or that Quantity of Rum with the Help of Scummings, or what he may please to call so, is to say nothing at all; because, with the help of Scummings, and other Offals of the Work, he may make just what Quantity he pleases, with, or without, Molosses; in which Case, the more Rum, the less Sugar. … The Reader will easily observe, that I speak of making Rum of Molosses only, without any other Offals of the Work. … Do not these Distillers imitate those Adepts in Chymistry, who lead the World to hunt after the Philosopher’s Stone, to the utter Ruin of many Men and their Families? Let a Thousand Gallons of Molosses be delivered to one of those great Distillers that do Wonders, and let him have this Quantity after the Crop is over, that he may have no Manner of Opportunity to come at Scummings by any Means, and then see how much Rum he will make, nine Degrees upon the Proof. … For the Overseer, who gets the Business upon the sole Credit or Promise of making a deal of Rum, will be sure to do it, tho’ he makes the less Sugar. Observe, he did not engage to make any Quantity of Sugar; the Rum is all; that is his Point of Honour; he rises or falls by that. … a Planter may convert his whole Crop into Rum, if he finds an Advantage in it, and in some Cases, in some Years, it may answer; but if he has Reason to believe that it would be more profitable for him, in the general, to make it all, if possible, into Sugar, than into Rum; surely then it will be good Management, and, I may say, Oeconomy too, to stop the Hand of his Overfeer from converting fo much of his Liquor and Syrup, under the Denomination of Scummings, into Rum. … It is not to be forgotten, that the excessive Quantities of Rum made in Barbados and in Antigua, more than in St. Chriftophers, is entirely owing to the plentiful Discharge of Molosses from their Sugar, and the Stream of hot Scummings continually running into the Still-Houfe in Boiling Time;  … St. Chriftophers, June 30, 1737.« [3-242] [3-243] [3-244] [3-245]

Fazit

Die Bezeichnung ›Rum‹ wird manchmal zu unspezifisch verwendet. Man verwendet die Bezeichnung oftmals auch in Zusammenhängen, in denen es korrekter wäre, von einem Zuckerrohr-Destillat zu sprechen, ohne aber genauer zu unterscheiden, welches genau man meint. So entsteht manchmal der Eindruck, auch Cachaςa, Clairin, aguadiente de caña, eau de vie des cannes – um nur ein paar Beispiele zu nennen – seien auch alle ein Rum. Man umgeht so die zentrale Frage: Wann ist Rum ein Rum? Die Antwort auf diese Frage kann nicht sein, dass ein Rum dann ein Rum ist, wenn er aus Melasse produziert wurde, denn diese Sitte kam erst viel später auf, nachdem die Bezeichnung ›Rum‹ sich schon längst etabliert hatte. Man muss auch berücksichtigen, dass es noch Jahrzehnte, nachdem auf den karibischen Inseln Zuckerrohr destilliert wurde, noch keine einheitliche Bezeichnung für das Produkt vorhanden war.

Wir wollen auf die Frage, wann Rum ein Rum sei, hier keine genaue Antwort geben; vielmehr wollen wir durch die gegebenen Beispiele zeigen, wie wichtig die genaue Wortwahl beim Schreiben von Texten ist; ansonsten kommt es schnell zu Missverständnissen.

Nach diesem kurzen Ausflug geht es wieder zurück zu unserem eigentlichen Thema: Der wahren Bedeutung der Bezeichnungen Rum und Kill-Devil. Die Ursprünge liegen in Westafrika und der Bedeutung, die Alkohol dort in Gesellschaft und Religion spielte. Dies ist wichtig zu verstehen, denn das ist auch die Grundlage der afroamerikanischen Religionen der Karibik.

Quellen
  1. https://blog.oup.com/2010/10/rum/ The Rum History of the Word „Rum“. Von Anatoly Liberman, vom 6. Oktober 2010.
  2. https://books.google.de/books?id=ANm5BgAAQBAJ&pg=PA1163&lpg=PA1163&dq=what+did+barbadian+slaves+drink&source=bl&ots=–BgFcp98B&sig=ACfU3U3b8qNTQeK8fVHSyKfR7ti-bOHhtA&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwj8zqHXm7jqAhXN2KQKHWkACBgQ6AEwDXoECAkQAQ#v=onepage&q=what%20did%20barbadian%20slaves%20drink&f=false Scott C. Martin (Hrsg.): The SAGE Encyclopedia of Alcohol: Social, Cultural and Historical Perspectives. SAGE Publications, 2014.
  3. https://archive.org/details/b30528550_0002/page/242/mode/2up?q=rum Anonymus: Carribbeana. Containing Letters and Dissertations, Together with Poetical Essays, on various Subjects and Occasions; Chiefly wrote by several Hands in the West-Indies, And some of them to Gentlemen residing there. Now collected together in Two Volumes. Vol. 2. London, 1741.
  4. https://archive.org/details/volatilespiritsh00smit/page/n35/mode/2up?q=%22Negroes+are+in+general+much+addicted+to+drunkenness%22 und https://ufdcimages.uflib.ufl.edu/AA/00/02/65/65/00001/volatilespiritsh00smit.pdf Frederick H. Smith: Volatile Spirits: The historical archaeology of alcohol and drinking in the Caribbean. A dissertation presented to the graduate school of the university of Florida in partial fulfillment of requirements for the degree of doctor of philosophy. University of Florida, 2001.
  5. https://archive.org/details/timehrijournalr09guiagoog/page/n93/mode/2up?q=%22Brandy+and+Rum+in+Tippling+houses%22 N. Darnell Davis: The Etymology of the word Rum. In: Timehri being the journal of the Royal agricultural and commercial society of British Guiana Band 4. Demerara, 1885.
  6. Wayne Curtis: And a Bottle of Rum. ISBN 978-0-307-33862-4. New York, 2007.
  7. https://archive.org/details/trueexacthistory00ligo Richard Ligon: A trve & exact history of the island of Barbados. London, 1657.
  8. https://archive.org/details/animpartialdesc00warrgoog/page/n26/mode/2up?q=rum George Warren: An impartial description of Surinam upon the continent of Guiana in America. With a History of several strange Beasts, Birds, Fishes, Serpents, Insects, and Customs of that Colony, &c. London, 1667.
  9. https://de.wikipedia.org/wiki/Pernambuco Pernambuco.
  10. https://en.wikipedia.org/wiki/Richard_Ligon Richard Ligon.
  11. https://www.amazon.de/-/en/Tristan-Stephenson/dp/1849758239#reader_B07FG7QBTH Vorschau von Tristan Stephenson: The Curious Bartender’s Rum Revolution. ISBN 978-1-84975-823-9. 2017. Daraus das  Kapitel: Kill Devil.
  12. E-Mail von Kristin Ytterborg, Intendent Samlingsenheten Vasamuseet / Curator,
  13. https://books.google.de/books?id=syhVAAAAcAAJ&printsec=frontcover&dq=%22The+American+Physician%22&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwj7j4qjvd7rAhVM_aQKHXDqBwEQ6AEwAHoECAMQAg#v=onepage&q=punch&f=false W. Hughes: The American physitian; or, a treatise of the roots, plants, trees, shrubs, fruit, herb &c. Growing in the English plantations in America. Describing the place, time, names, kindes, temperature, vertues and uses of them, either for diet, physick, &c. Whereunto is added a discourse on the cacao-nut-tree, and the use of this fruit; with all the ways of making of chocolate. London, 1672.
  14. https://de.wikisource.org/wiki/Der_Zucker Stanislaus von Jezewski: Der Zucker. Eine kulturgeschichtliche Skizze. In: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 462–464 . Leipzig, 1892.
  15. https://archive.org/details/mobot31753000820123/page/xxx/mode/2up?q=rum Hans Sloane: A voyage to the islands Madera, Barbados, Nieves, S. Christophers and Jamaica, with the natural history of the herbs and trees, four-footed beasts, fishes, birds, insects, reptiles, &c. of the last of those islands. Vol. 1. London, 1707.

explicit capitulum
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Hallo, ich bin Armin, und in meiner Freizeit als Blogger, freier Journalist und Bildungstrinker möchte ich die Barkultur fördern. Mein Schwerpunkt liegt auf der Recherche zur Geschichte der Mischgetränke. Falls ich einmal eine Dir bekannte Quelle nicht berücksichtigt habe, und Du der Meinung bist, diese müsse berücksichtigt werden, freue ich mich schon darauf, diese von Dir zu erfahren, um etwas Neues zu lernen.