B.O.B.

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Der B.O.B. ist ein von Hendrik Albrecht und Mario Kappes ersonnener Digestif. Seine Wurzeln reichen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein und sind mit Jerry Thomas verbunden. Darüber hinaus bestehen interessante Verbindungen zur französischen Barkultur und zur Seefahrt.

50 ml Park VSOP Cognac
20 ml Bénédictine
20 ml Pierre Ferrand Curaçao

Zubereitung: Im Tumbler zubereiten und mit einem großen Stück Eis servieren.

Der B.O.B. ist ein Twist des B&B. Besteht letzterer aus „Bénédictine & Brandy“, sind es bei ersterem Bénédictine, Orange-Curaçao und Brandy, daher auch der Name. Entstanden ist der B.O.B. im Le Lion in Hamburg als gemeinschaftliches Werk von Hendrik Albrecht und Mario Kappes. Wir haben ihn erstmals am 19. April 2015 von Hendrik im Le Lion serviert bekommen. Hendrik erzählte uns, dieser Drink kurz vor unserem Besuch nach einem gemeinsamen Abendessen von Mario und ihm entstanden, als beide überlegt hatten, daß sie zwar gerne einen B&B tränken, der ihnen aber in diesem Moment nicht ganz so passend erschien. Das Ergebnis ihrer Überlegungen war, zusätzlich noch den Pierre Ferrand Curaçao beizugeben, um so eine Orangenfruchtigkeit hinzuzufügen. Der Drink überzeugt voll und ganz.

B.O.B.. Hendrik Albrecht & Mario Kappes, 2015.

50 ml Park XO Cognac
20 ml Bénédictine
20 ml Pierre Ferrand Curaçao

Zunächst scheint dieser Drink nicht viel Spannendes aufzuzeigen. Doch wie sich zeigt, ist die Einbettung des B.O.B. in den historischen Kontext sehr interessant. Es treten dabei Aspekte zutage, an die vermutlich auch Hendrik und Mario nicht gedacht haben.

Der B.O.B. ist ein Twist auf den B&B. Der B&B geht, wie wir bereits in dem zugehörigen Beitrag gezeigt haben, auf die französische Tradition des Pousse-Cafés zurück. Gleiches gilt für den B.O.B., nicht nur, weil er ein Twist auf den B&B ist, sondern auch weil es für ihn in historischen Barbüchern vergleichbare Zusammenstellungen gibt, die zu den Pousse-Cafés gehören. Die Bezeichnung Pousse-Café stammt aus dem Französischen und wird mit „Verdauungsschnaps“ übersetzt – genau der Zweck, zu dem der B.O.B. von Hendrik und Mario ersonnen wurde. Faszinierend ist auch die Entdeckung, daß der B&B, respektive sein Vorgänger, anscheinend in Hamburg-Altona entstanden ist, der B.O.B. in Hamburg-Altstadt, weniger als 4 Kilometer entfernt.

Das älteste Rezept, das an einen B.O.B. erinnert, haben wir bei Jerry Thomas in seinem 1887 veröffentlichten Buch „The Bar-Tender’s Guide“ gefunden:

Brandy Champerelle. Jerry Thomas, 1887.

(Use small wine-glass.)
Take 1/3 fine old brandy.
1/3 Curaçoa.
1/3 Benedictine.
3 dashes Angostura.

Dies ist dem B.O.B. erstaunlich ähnlich, auch wenn Jerry Thomas andere Mengenverhältnisse verwendet, ohne Eis auskommt und zusätzlich Angosturabitters verwendet.

Doch was ist grundsätzlich unter einem Brandy-Champerelle zu verstehen? Zunächst einmal sei festgestellt, daß es ein sehr variabler Drink ist, für den es keine eindeutige Rezeptur gibt. Beispielhaft wollen wir hier die folgenden Varianten nennen: 1862 wird er bei Jerry Thomas in „How to Mix Drinks“ aus gleichen Teilen Brandy, Bogart’s Bitters und Curaçao zubereitet. Er weist uns darauf hin, daß es sich hierbei um ein köstliches französisches Getränk handelt: „This is a delicious french café“. 1882 gibt Harry Johnsson in seinem „New and Improved Bartender’s Manual“ an, daß der Drink aus jeweils einem Viertel rotem Curaçao, gelber Chartreuse, Anisette und Kirschwasser oder Cognac zubereitet werde. Seine anschließende Erklärung verdeutlicht – wie auch schon Jerry Thomas‘ Hinweis zuvor – was unter dem Begriff „Champerelle“ zu verstehen ist. Es ist nichts anderes als ein Pousse-Café: „Vorsicht bei der Bereitung muss gebraucht werden, so dass die verschiedenen Liqueure nicht zusammenlaufen.“ 1884 bereitet Albert Barnes in „The Complete Bartender“ den Drink aus jeweils zwei Eßlöffeln Chartreuse, Angostura Bitters und Brandy, ebenfalls geschichtet, zu.

Wir können also feststellen, daß die Begriffe Champerelle und Pousse-Café als synonym zueinander zu verstehen sind. Es verwundert also nicht, daß wie auch schon für den B&B, das 1913 erschienene „Lexikon der Getränke“ eine Vielzahl an dem B.O.B. ähnlichen geschichteten Regiments-Mischungen anbietet. Sie bestehen aus Cognac (Asbach), einem Klosterlikör (allerdings wird nicht näher spezifiziert welcher; Bénédictine war es sicher nicht, denn dieser wird in anderen Mischungen explizit angegeben) und verschiedenen Arten an Curaçao: Triple Sec, weiß oder grün.

Der B.O.B. ist auch ein gutes Beispiel dafür, daß an verschiedenen Orten verschiedene Bartender unabhängig voneinander dieselbe Idee hatten. Zwar wird in späteren Jahren Thomas‘ Rezeptur von 1887 gelegentlich publiziert (1889, 1900 und 1940). MAN kann  nicht behaupten, daß es sich um einen häufig zitierten Drink handelt. Er taucht in den Büchern zwei Mal, in den Jahren 1903 und 1906, auch als Earthquake Calmer auf. Faßt man den Begriff „Curaçao“ etwas weiter, und berücksichtigt man auch andere Arten von Orangenlikören und läßt man geringfügige Twists zu, so erweitert sich die Liste um Fiesta (1930), Centric Cocktail (1933), Dumb Dora (1934), Dom (1935) und den Honey Moon Cocktail (1936). Der Interessierte Leser kann die entsprechenden Referenzen im Anhang finden. Festzustellen ist jedenfalls, daß für all diese letztgenannten Drinks immer nur eine Fundstelle vorhanden ist. Man wird deshalb wohl davon ausgehen dürfen, daß diese Varianten alle unabhängig voneinander entstanden sind.

Sind die bisher genannten Getränke zwar alle dem B.O.B. recht ähnlich, gibt es nur eines, das zwar nicht bezüglich der Mengenverhältnisse, jedoch bezüglich der Komponenten dem B.O.B. entspricht, auch wenn es ohne Eis auskommt, ganz im Sinne der Pousse-Cafés . Es ist der 1912 bei Charlie Paul in seinen „American and Other Drinks“ veröffentlichte Night-Cap, was übersetzt sowohl Schlafmütze als auch Absacker oder Schlummertrunk bedeutet.

Night-Cap. Charlie Paul, 1912.

[This to be taken the last thing at night as a
Digester for other drinks previously imbibed. The
Recipe was given to Charlie by a very old Norwegian
Captain.]
Take a small wine glass; put in a liqueur-glassful
Of old brandy , ditto curaçoa, ditto of Benedictine;
Let them blend for a moment; then take off at a
Single draught, after which say – “Good Night.”

Ist es nicht spannend, daß auch hier ein weiterer Bezug zum B.O.B. vorhanden ist? Der Night-Cap wurde von einem alten norwegischen Kapitän bekannt gemacht, und der B.O.B. entstand in einer alten Hafenstadt. Beide haben also nicht nur einen Bezug zur französischen Trinkkultur, sondern auch zur Seefahrt.

Man mag nun darüber streiten, ob all diese von uns gefundenen Drinks einem B.O.B. ähnlich genug sind, um als gleich zu gelten, oder ob sie verschieden genug sind, um als eigenständige Drinks zu gelten. Für uns jedoch ist der hier vorgestellte Drink mit Hendrik, Mario und dem Le Lion verbunden und für uns ganz eindeutig ein B.O.B.

Quellen
  1. Die historischen Bücher sind in unseren Beiträgen über historischen Bar-Bücher verzeichnet.

Historische Rezepte

1887 Jerry Thomas: The Bar-Tender’s Guide. Seite 38. Brandy Champerelle.

(Use small wine-glass.)
Take 1/3 fine old brandy.
1/3 Curaçoa.
1/3 Benedictine.
3 dashes Angostura bitters.

1889 Anonymus [Jerry Thomas]: The Bar-Tender’s Guide. Seite 32. Brandy Champerelle.

(Use small wine-glass.)
Take 1/3 fine old brandy.
1/3 Curaçoa.
1/3 Benedictine.
3 dashes Angostura bitters.

1900 Frank Newman: American Bar. Seite 46. Brandy Champerelle.

Prendre le verre n° 11, verser sans mélanger:
1/3 de curaçao,
1/3 de bénédictine,
1/3 de cognac.
Finir avec quelques gouttes angostura à la surface, servir.

1903 Don. Wilkes: The Bachelor Book. Seite 17. Earthquake Calmer.

Into a small wine-
glass put one-third brandy, one-third curacao, one-
third benedictine, and three dashes of Angostura
bitters.

1906 A. Lyman Phillips: A Bachelors Cupboard. Seite 139. Earthquake Calmer.

In a medium wineglass put one-third each
of benedictine, brandy, and Curaçao, and
three dashes of Angostura.

1912 Charlie Paul: American and Other Iced Drinks. Seite 42. Night-Cap.

[This to be taken the last thing at night as a
digester for other drinks previously imbibed. The
recipe was given to Charlie by a very old Norwegian
captain.]
Take a small wine glass; put in a liqueur-glassful
of old brandy, ditto curaçoa, ditto of benedictine;
let them blend for a moment; then take off at a
single draught, after which say – „Good Night.“

Anmerkung: Dieser Drink taucht als Norwegian-Night-Cap 1913 bei Hans Schönfeld & John Leybold im „Lexikon der Getränke“ auf, jedoch fehlt hier der Cognac: „In ein Cocktailglas gebe zu gleichen Teilen Curacao und Benedictiner, brenne vor dem Servieren einen Augenblick an.“

1913 Hans Schönfeld & John Leybold: Lexikon der Getränke. Regiments-Mischungen. Seite 182. Inf.-Regt. (2. Nassau), Mainz.

1/3 Cognac-Asbach, 1/3 Curacao trpl., 1/3 Klosterlikör.

1913 Hans Schönfeld & John Leybold: Lexikon der Getränke. Regiments-Mischungen. Seite 186. Inf.-Regt. (Hessen-Homburg), Bitsch.

1/3 Cognac-Asbach, 1/3 Curacao, w., 1/3 Klosterlikör.

1913 Hans Schönfeld & John Leybold: Lexikon der Getränke. Regiments-Mischungen. Seite 188. Jäger-Bat., Hannover, Coslar i. H.

1/3 Cognac-Asbach, 1/3 Curacao, grün, 1/3 Klosterlikör.

1913 Hans Schönfeld & John Leybold: Lexikon der Getränke. Regiments-Mischungen. Seite 189. Drag.-Regt. Prinz Albrecht v. Preuß. (Littau), Tilsit.

1/3 Cognac, 1/3 Bols-Curacao trpl., 1/3 Klosterlikör.

1913 Hans Schönfeld & John Leybold: Lexikon der Getränke. Regiments-Mischungen. Seite 192. Ulanen-Regt. (Westfäl.), Düsseldorf.

1/3 Cognac, 1/3 Bols-Curacao w., 1/3 Klosterlikör.

1930 Gedelp: Los „cock-tails“ mas sabrosos. Seite 58. Fiesta.

Hielo picado.
Un tercio de copa de cognac.
Un tercio de copa de cointreau.
Un tercio de copa de Benedictino.
Nuez moscada.

1933 Antonio Josa: Cocktelera Universal. Seite 19. Centric Cocktail.

1/3 de Benedictine.
1/3 de Curacao.
1/3 de Coñac.
Añádase una corteza de limón.

1934 Jean Robert Meyer: Bottoms Up. Seite 5. Dumb Dora.

One pony of brandy, one pony of Coin-
treau, one pony of Benedictine or Curacao,
one or two dashes of orange bitters. Ice
optional.

1935 O. Blunier: The Barkeeper’s Golden Book. Seite 95. Dom.

1/2 Brandy
1/2 Benedictine
3 ds. Cointreau
3 ds. Fleur d’orange

1936 Raymond Porta Mingot: Gran Manual de Cocktails. Seite 246. Honey Moon Cocktail.

Usese la cocktelera.
Unos pedacitos de hielo.
Una cucharadita de jugo de limón.
Una cucharadita de Curacao Marie Bri-
zard.
1/2 parte de Benedictine.
1/2 parte de Cognac Bisquit V. O.
Agítese, cuélese y sírvase en copa de 90
gramos.

1940 Pedro Talavera: Los secretos del cocktail. Seite 36. Brandy Champerelle.

Prepárese en la, copa núm 5:
1/3 copa de Curaçao La Campana.
4 gotas de Orange Bitter.
1/3 copa de Benedictino.
1/3 ídem de Coñac Martell.
Sírvase.

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