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The Peated Dutchman

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Torfiger Islay-Whisky mit Zimt, Orangenbitter und etwas Zucker – mehr braucht es nicht für diesen Cocktail im Stile der 1860er Jahre.

The Peated Dutchman.

The Peated Dutchman.

60 ml Laphroaig Quarter Cask
25 ml Rutte Zimtlikör
2,5 ml Zuckersirup (2:1)
1 dash Scrappy’s Orange Bitters

Zubereitung: Gerührt.

Der historische Bezug

Cocktails. William Terrington, Cooling Cups and Dainty Drinks, 1869, Seite 190-191.

Cocktails. William Terrington, Cooling Cups and Dainty Drinks, 1869, Seite 190-191. [1]

Die Verwendung von Zimt in einem Cocktail ist gewiß nicht alltäglich. Doch greift dies die Ursprünge des Cocktails auf.

Wir sind bereits in unserem Beitrag über die Ursprünge des Cocktails auf historisch interessante Rezepte eingegangen. Insbesondere die Cocktail-Rezepturen von William Terrington aus dem Jahr 1869 erwiesen sich als Schlüssel für das Verständnis des Cocktails. In seinem Buch sind nicht nur Rezepte mit Ingwer oder Chili aufgeführt, sondern auch eine Variante mit Zimt:

Whisky Cocktail. – 1/2 gill of whisky, 1 tea-
spoonful of bitters, 2 drops essence of cinnamon;
sweeten with syrup; add 1/2 lb. of ice, pounded.

Umgerechnet also ungefähr 70 ml Whisky, 5 ml Bitter, 2 Tropfen Zimtessenz, Zuckersirup nach Belieben, 225 gr zerstoßenes Eis.

Sein Whisky Cocktail ist im Grunde genommen so etwas wie ein old fashioned Cocktail, bestehend aus Whisky, Zucker, Bitter, der zusätzlich mit Zimtessenz aromatisiert wurde. In Unkenntnis dieser Rezeptur haben wir den Peated Dutchman entwickelt, und erst später bemerkt, daß dieser in unmittelbarer Nachfolge jenes alten Rezeptes steht. Wir nehmen – den modernen Gepflogenheiten entsprechend – viel weniger Bitter. Auch servieren wir ihn nicht auf gestoßenem Eis; wir interpretieren unseren Cocktail nicht als Old-Fashioned, sondern eher als dessen Vorläufer, den Whiskey Cocktail. Statt Zimtessenz nehmen wir Zimtlikör, und von diesem etwas mehr, da in ihm die Zimtaromen vermutlich weniger konzentriert vorliegen als in der Zimtessenz. Insgesamt folgen wir aber derselben Grundstruktur. Den Peated Dutchman hätte es also durchaus schon in den 1860er Jahren geben können.

Zwar wurde im Cocktail ursprünglich Ingwer verwendet, denn dieser ist die namensgebende Zutat gewesen. Doch die Verwendung von Zimt kann auch schon recht früh gebräuchlich gewesen sein, lange vor dem Erscheinen von William Terringtons Buch, denn ab 1795 hatte Großbritannien direkten Zugang zu Zimt erlangt und hatte das Zimtmonopol inne.

Die Entstehungsgeschichte

Von unserem Besuch bei der Destillerie Rutte haben wir uns auch deren phänomenalen Zimtlikör mitgebracht. Er ist das ultimative Zimtgetränk für alle Zimtliebhaber. Am 5. Mai 2017 taten wir das, was wir schon lange wollten, nämlich uns damit beschäftigen, was man denn mit diesem Likör zubereiten könnte.

Leider überzeugten uns alle anfänglichen Versuche nicht. Mit den naheliegenden Kombinationen wie Birne (Williamsbrand), Apfel (Calvados) oder Rosine (PX-Sherry) hatten wir kein glückliches Händchen. Plötzlich meinte Frank, daß wir vermutlich auf dem falschen Weg seien. Wir müßten nämlich etwas ganz anderes damit kombinieren, etwas Verrücktes, und warf ein, vielleicht so etwas Ungewöhnliches wie den Whisky von Laphroaig. Diese Idee, die er einfach nur so dahergesagt hatte, ohne darüber nachzudenken – wie er mir später berichtete -, erschien uns sehr reizvoll zu sein. Wir lieben Zimt und wir lieben Laphroaig, warum also nicht beides mit ein wenig Orange zusammenbringen? Versuch macht klug, und das Ergebnis war sehr vielversprechend. Wie sich zeigte, war seine Intuition goldrichtig.

In den Folgewochen wurde immer wieder mal probiert und angepaßt. Beispielsweise schüttelten wir zunächst mit Orangenzesten, um deren Öle im Drink freizusetzen, aber wir entschieden uns später für den Einsatz von Orangenbitter in einem gerührten Cocktail. Damit man den Cocktail olphaktorisch besser wahrnehmen kann, entschieden wir uns für eine Cocktailschale anstelle eines Cocktailglases oder eines Tumblers. Man kann einfach besser daran riechen. Etwas Zucker kam ins Spiel, da eine Süßung nur mit dem Likör die Zimtaromen zu sehr betonte. Im August 2017 stand das Rezept schließlich, und wir haben es seitdem nicht mehr geändert.

Die Namensgebung

Dieser Drink mußte natürlich auch einen Namen haben – und die Namensgebung ist ja immer so eine Sache. In diesem Fall war sie allerdings recht einfach, und es gelang uns gleich in der Folgewoche, am 12. Mai. Wir hatten einen holländischen Likör, denn Dordrecht, die Heimat von Rutte, liegt in Südholland. [2] In Dordrecht erklärten sich 1572 die Niederlande als von Spanien unabhängig, [2] und Dordrecht war bis ins 18. Jahrhundert eine bedeutende Hafenstadt, noch vor Rotterdam. [3] Es ist naheliegend, deshalb dann an das Goldene Zeitalter der Niederlande und die damit verbundene Schiffahrt zu denken. Laphroaig stammt von einer Insel, von Islay, und so ist gewissermaßen auch hier ein Bezug zum Meer vorhanden, und auch seine Torfaromen sind sehr ausgeprägt.

Vor diesem Hintergrund kamen kamen wir spontan auf „Flying Dutchman“. Dieser Name ist jedoch schon für einen anderen Drink vergeben, und außerdem nicht ganz passend. Woher soll schließlich das Fliegende kommen? Schnell lag dann „The Peated Dutchman“ nahe, denn der holländische Zimtlikör wird ja gewissermaßen durch Laphroaig mit Torfaromen angereichert.

So weit, so gut. Doch diese Geschichte geht noch weiter. Es ist ja immer schön, wenn man zu einem Drink auch eine gute Geschichte erzählen kann. Wie sich bei der weiteren Recherche gezeigt hat, ist die Geschichte zur Namensfindung nämlich viel tiefgründiger als das, was wir bereits erzählt haben. Eine große Rolle spielt dabei das holländische Zimtmonopol. Dies lag ab 1520 bei den Portugiesen in Ceylon (Sri Lanka), die es 1658 vollständig übernommen hatten. Dies ist der holländische Anteil des Namens, es fehlt also noch der schottische respektive britische. Großbritannien besetzte 1795 Ceylon, und es wurde 1802 offiziell von den Holländern an Großbritannien abgetreten. Im Innern der Insel befand sich jedoch noch das nicht besetzte Königreich von Kandy, dort wurde ursprünglich der Zimt geerntet. Dieses Königreich wurde 1815 von den Briten ebenfalls erobert, die damit die Herrschaft der sri-lankischen Könige beendeten. Ab 1815 war ganz Ceylon eine Kronkolonie. Exakt in diesem Jahr, 1815, wurde die Destillerie von Laphroaig gegründet. So schließt sich der Kreis um den Peated Dutchman.

Das Zimtmonopol

Wir haben einen schönen Beitrag gefunden, der sich detaillierter mit dem Zimtmonopol beschäftigt. Er stammt aus dem 1911 erschienenen Buch Kulturgeschichte der Nutzpflanzen von Dr. Ludwig Reinhardt: [4]

Ludwig Reinhard - Kulturgeschichte der Nutzpflanzen. Band IV, 1. Hälfte. Seite 577.

Ludwig Reinhard – Kulturgeschichte der Nutzpflanzen. Band IV, 1. Hälfte. Seite 577. [4]

„Bis zur Ansiedlung der Portugiesen, die seit 1505 einen regelmäßigen Verkehr mit der Insel unterhielten, war der Zimthandel ein einträgliches Monopol der einheimischen Könige, deren Geschlecht aus Nordindien stammte und seit 543 v. Chr. die Singalesen beherrschte. Als die Portugiesen sich der Küste Ceylons im Jahr 1580 bemächtigten, legten sie den Herrschern im Innern einen Tribut von 125000 kg Zimt auf und versprachen ihnen dafür die Hilfe Portugals. Bald aber machten sie sich so verhaßt, daß der König von Kandy die Holländer gegen sie zu Hilfe rief. Diesen hatte schon Philipp II. den Handel mit Lissabon untersagt; so versuchten sie, sich den Zimt auf direktem Wege zu verschaffen. Im Jahre 1596 kamen die ersten wohlbewaffneten holländischen Handelsschiffe in den Indischen Ozean und 1632 begann die Verdrängung der Portugiesen von Ceylon, die 1658 eine vollständige und dauernde war. Sofort erhoben die Holländer den Zimt zu ihrem ausschließlichen Monopol. … [4-577]

Ludwig Reinhard - Kulturgeschichte der Nutzpflanzen. Band IV, 1. Hälfte. Seite 578.

Ludwig Reinhard – Kulturgeschichte der Nutzpflanzen. Band IV, 1. Hälfte. Seite 578. [4]

Ein Jahrhundert lang zogen die Holländer aus dem Zimtmonopol einen reichen Gewinn, der manchmal 7 Millionen Mark im Jahre überstieg. Die meisten Zimtbäume befanden sich auf dem Gebiete des Königs von Kandy. Wenn dieser aber feindselig auftrat, sank die Einnahme bedeutend und brachte nur etwa 1 Million Mark ein. Um sich nun von den Launen dieses Herrschers unabhängig zu machen, schlug ein Einnehmer des Distrikts Kolombo namens de Koke dem holländischen Gouverneur Falk im Jahre 1765 vor, den Zimtbaum auf eigenem Gebiete zu pflanzen. Anfangs wies der Große Rat in Batavia diesen Vorschlag zurück; doch waren die Vorteile zu verlockend, so daß man sich endlich zu einer Einwilligung verstand. Die Ausführung war indessen nicht leicht. Die Häuptlinge behaupteten, daß kultivierter Zimt minderwertig sei; auf ihr Betreiben hin widersetzten sich dieser Neuerung auch die Eingeborenen. Schließlich drang die holländische Regierung mit ihren Forderungen doch durch, aber die Eingeborenen suchten den Kulturen insgeheim zu schaden, indem sie dieselben mit heißem Wasser begossen oder anderweitig die Pflänzlinge zu ruinieren suchten. Nur drakonische Strenge sicherte das Unternehmen. So wurde jedes Zerstören von jungen Pflanzen mit Abhauen der rechten Hand bestraft. Bald versuchten die Holländer mit etwa 200 000 kg Zimtrinde, die sie aus den eigenen Kulturen gewannen, den gesamten europäischen Bedarf zu decken, ohne Bezüge der Ernte aus dem Königreich Kandy im Innern der Insel machen zu müssen. Dabei sorgten sie durch gewaltsame Mittel dafür, daß die hohen Preise dieser Droge nicht etwa durch Überproduktion herabgedrückt wurden. Vor allem beschränkten sie die Kulturbäume auf eine bestimmte Anzahl und ließen in gesegneten Jahren einen Teil der zu reichen Ernte ins Meer werfen oder verbrennen. Auch im Mutterlande räumte man, um eine Preisdrückerei zu verunmöglichen, im Übermaß sich ansammelnde Vorräte durch Verbrennen hinweg; lieber sollte die Arbeit ganz umsonst gewesen sein, als daß man sich selbst seinen Volksgenossen gegenüber zu einer Verbilligung der Ware herabließ. So berichtet der Franzose Beaumaré, er sei im Juni 1760 Augenzeuge davon gewesen, wie man beim Admiralitätsgebäude in Amsterdam zwei Tage nacheinander – abgesehen von Muskatnuß – für zusammen etwa 16 Millionen Livres Zimt verbrannt habe, was einen köstlichen Wohlgeruch über das ganze Land verbreitete. [4-577] [4-578]

Ludwig Reinhard - Kulturgeschichte der Nutzpflanzen. Band IV, 1. Hälfte. Seite 579.

Ludwig Reinhard – Kulturgeschichte der Nutzpflanzen. Band IV, 1. Hälfte. Seite 579. [4]

Im Kriege mit den Holländern besetzten die nach den Zimtgärten jener lüsternen Engländer 1795 Ceylon, das ihnen 1802 im Frieden von Amiens regelrecht abgetreten wurde. Sie fanden die Zimtkulturen im blühenden Zustande und nutzten sie als Erben der alten Machthaber in derselben Weise wie jene aus. Die englisch-ostindische Handelsgesellschaft übernahm das höchst einträgliche Monopol und führte es im Sinne der Holländer weiter. Der erste Gouverneur, North, erließ sogar eine Verordnung, durch welche nicht nur Neuanlagen verboten wurden, sondern auch die bereits bestehende Anzahl der Zimtgärten eine Einschränkung erfuhr. 1815 kam nach Beseitigung des bis dahin noch regierenden Eingeborenenfürsten die ganze Insel unter die Administration der englischen Krone, die das Zimtmonopol bis 1833 aufrechterhielt, dann aber aufgeben mußte, da der Zimtbaum inzwischen durch die Holländer auf Sumatra, Java und Borneo und durch die Franzosen auf Isle de France (dem heutigen Mauritius), Bourbon und in Cayenne angesiedelt worden war, ohne allerdings dort das vorzügliche Produkt wie in Ceylon zu geben, das heute mit seiner höchst aromatischen Rinde noch immer den Weltmarkt beherrscht.“ [4-578] [4-579]

The Peated Dutchman.

The Peated Dutchman.

Quellen
  1. William Terrington: Cooling Cups and Dainty Drinks. Collection of Recipes for „Cups“ and Other Compounded Drinks, and of General Information on Beverages of All Kinds. London & New York, George Routledge & Sons, 1869. Seite 191.
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Dordrecht: Dordrecht.
  3. https://en.wikipedia.org/wiki/Dordrecht: Dordrecht.
  4. Ludwig Reinhardt: Kulturgeschichte der Nutzpflanzen. Band IV, 1. Hälfte. Verlag von Ernst Reinhardt, München, 1911. Seite 577-579. https://archive.org/details/bub_gb_0oxOAAAAMAAJ

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